Editorial

Allgegenwärtig wird uns verkündigt, ohne immer bessere und intensivere Bildung und Weiterbildung ginge gar nichts mehr: Die Menschen würden ansonsten ihre Zukunftschancen auf einen halbwegs sicheren und guten Arbeitsplatz verspielen, Firmen, Standorte und Gemeinwesen von der globalen Entwicklung abgehängt. Dieses Dauerrauschen verdichtet sich angesichts der tatsächlichen oder beschworenen Digitalisierungswellen, produziert Stress, Angst und Konformität und bereitet weitere ›Reformen‹ des Bildungswesens vor. Doch bereits jetzt ist Bildung zum Standortfaktor, zum Rohstoff verkommen und wird nur mehr als Ausbildung begriffen. Im vorliegenden Sammelband analysieren die AutorInnen diese Verkümmerung von Bildung nicht nur, sie spüren den verloren gegangenen Motiven und Konzepten einer emanzipatorischen Idee von Bildung nach.

Im ersten Drittel dieses Denknetz-Jahrbuchs befassen sich die Beiträge mit der ›Ökonomisierung‹ von Bildung, die auf zwei Ebenen beschrieben wird: auf der Ebene der Bildungsinhalte sowie auf der Ebene der Bildungsformen- und einrichtungen. Fitzgerald Crain analysiert und kritisiert die Reduzierung und Konzentration der Inhalte von Bildungsprozessen auf ökonomisch beziehungsweise vermeintlich ökonomisch verwertbares Wissen, das heisst die Reduktion von Bildung auf Ausbildung. Alles werde der Frage, »welche Arbeitskraft das Kapital braucht«, untergeordnet, meint auch Erich Ribolits, der angesichts der Zwänge, die eigene Arbeitskraft zu optimieren und zu inszenieren, das endgültige »Ende des Bildungsbürgers« konstatiert.

Die vielfach beklagte Ökonomisierung von Bildung ist jedoch nicht nur in der instrumentellen Engführung der Bildungsinhalte zu sehen, sondern auch in den zunehmend marktförmig organisierten Bildungsformen. Am augenscheinlichsten ist dies im Bereich der akademischen Bildung, insofern Hochschulen immer mehr wie Unternehmen fungieren (müssen), sondern auch, wie Johannes Gruber zeigt, in den zu nehmend marktförmig organisierten Bildungsformen. Im Bereich der obligatorischen Schulbildung (Wibke Opermann), der Frühförderung (Theres Hammel) sowie der Erwachsenenbildung (Linda Stibler) wird Bildung immer mehr als Dienstleistung begriffen und in Form kommerzieller Dienstleistungen angeboten. Thomas Ragni untermauert diese Tendenzen mit Daten zu den Trends der Geldflüsse in der öffent lichen Bildungsfinanzierung. Romy Günthart und Ute Klotz weisen zudem darauf hin, dass die Ökonomisierung sich auch auf die Arbeitsbedingungen des Lehrpersonals – hier an den Fachhochschulen – niederschlägt.

Wie diese Tendenzen der Ökonomisierung und Bürokratisierung der Bildung die sozialen Ungleichheiten, die im Bildungswesen existieren, weiter verstärken können, zeigen René Levy und Isabel Martinez anhand von Daten aus dem Schweizer und europäischen Kontext. Markus Truniger wiederum beleuchtet, warum die Anstrengungen, die Chancen von Eingewanderten im Bildungsbereich zu verbessern, oftmals ins Leere laufen, während Nadia Lamamra die geschlechtshier archaische Rollenteilung in der dualen Berufsbildung problematisiert. Auch Farinaz Fassa stellt angesichts vielfacher Diskriminierungen im schweizerischen Bildungs- und Berufsbildungswesen eine Kluft zwischen bildungspolitischem Anspruch und praktischer Wirklichkeit von Chancengleichheit fest.

Um auch subtile und verschlungene Pfade der Diskriminierung im Bildungsbereich aufzuspüren, braucht es differenzierte Perspektiven. Chantal Hinni beschreibt, wie das Konzept der Intersektionalität Diskriminierungsformen sichtbar macht, die durch eine Wechselwirkung einzelner Kategorien entstehen und deshalb in herkömmlichen Analysen oft unverstanden bleiben. Die vom rechten Zeitgeist heftig angegriffene Geschlechterforschung, die heute angeblich die Bildungsinstitutionen dominiere, widmet sich auf vielfältige Weise den blinden Flecken der Bildungs- und Wissensforschung, wie Fabienne Amliger und Annemarie Sancar am Beispiel des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung IZfG an der Uni Bern zeigen. Holger Schatz wiederum widmet sich in einem ideologiekritischen Essay der Frage, ob und inwieweit die Forderung nach Chancengleichheit im Bildungswesen soziökonomische Konkurrenzverhältnisse affirmiert.

Gegen die beschriebene betriebs und volkswirtschaftlich motivierte Reduktion von Bildung hat das Denknetz, insbesondere die Fachgruppe Bildung, bereits 2007 betont: »Bildung ist zwar immer auch Mittel, indem sie uns hilft, in dieser Welt bestehen zu können, aber sie ist ins besondere und in erster Linie Wert in sich selbst: indem sie uns dazu befähigt, uns unsere Zwecke selber setzen zu können.« Anton Hügli greift diesen Gedanken auf und spürt den Möglichkeiten einer Emanzipation durch Bildung nach.

Die Beiträge im letzten Kapitel skizzieren hoffnungsvolle konkrete Beispiele, bei denen das emanzipatorische Potenzial von Bildungsprozessen aufscheint: Catherine Haus am Beispiel der Primarschulen in Genf, Katharina Steinmann an einem Kindergarten ohne Spielmaterial, Roland Herzog, Hans Baumann und Bruno Bollinger anhand der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. Annemarie Sancar befragt eine Reihe junger engagierter Frauen danach, was für sie feministische politische Bildungsarbeit bedeutet.

In einem abschliessenden Gespräch innerhalb der Redaktion dieses Jahrbuchs werden die Zusammenhänge von Emanzipation und Bildung noch einmal in verdichteter Form fragend dargestellt.

Wir freuen uns, in diesem Denknetz-Jahrbuch nach einer längeren Pause wieder französischsprachige Beiträge publizieren zu können. Wir verdanken sie der Regionalgruppe des Denknetzes in der Romandie, die seit drei Jahren aktiv ist. Das Denknetz wird weiterhin regelmässig französischsprachige Artikel publizieren und so auf die Vielfalt der Diskurse in den verschiedenen Sprachregionen eingehen.

Redaktion Denknetz-Jahrbuch

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Denknetz-Fokus mit Fitzgerald Crain: Was ist gute Bildung?

Gegen Bildung hat eigentlich niemand etwas. Bildung sei wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung, für das berufliche Fortkommen und um eine Gesellschaft vernünftig zu organisieren. Doch was gute Bildung sei, darin unterscheiden sich die Meinungen doch erheblich. Während Humanisten den umfassend gebildeten Menschen als Ziel proklamieren, ist der Anspruch der Wirtschaft weniger hochstehend. Für den Beruf müssen die Eleven sich qualifizieren – alles andere ist nice-tohave. Wir möchten also fragen: Was ist gute Bildung? Welches sind die Voraussetzungen, damit Bildung gelingt? Was bedroht Bildungsprozesse und welche Schlussfolgerungen sind zu ziehen für eine gute Bildung für alle?

Die MP3-Datei des Vortrages finden Sie hier

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Cover

AutorInnen

Fitzgerald Crain, Erich Ribolits, Johannes Gruber, Thomas Ragne, Theres Hammel, Romy Günthart, Ute Klotz, Linda Stibler, Wibke Oppermann, Isabel Martinez, René Levy, Farinaz Fassa, Markus Truniger, Chantal Hinni, Simone Ambord, Monique Brunnder, Nadia Lamamra, Catherine Haus, Fabienne Amliger, Annemarie Sancar, Holger Schatz, Anton Hügli, Magdalena Küng, Tamara Funiciello, Eva Krattiger, Barbara Gurtner, Lena Frank, Roland Herzog, Hans Baumann, Bruno Bollinger, Katharina Steinmann

ISBN

HerausgeberInnen: Ute Klotz, Fitzgerald Crain, Johannes Gruber, Annemarie Sancar, Hans Baumann, Roland Herzog, Andri Bösch, Holger Schatz; Jahrbuch 2018: Bildung Emanzipation; ISBN 978-3-85990-358-6; Verlag: edition 8, Quellenstrasse 25, 8005 Zürich

Artikel

Jahrbuch Redaktion: Bildung und Emanzipation

Rédaction Cahier: Education et émancipation

Fitzgerald Crain: Die innere und äussere Ökonomisierung in der Bildung

Erich Ribolits: Jeder sein eigener Unternehmer

Johannes Gruber: Diversifizierung, Privatisierung und Hierarchisierung

Thomas Ragni: Ausgabenkürzungen bei der Bildung und ihre Folgen

Theres Hammel: Frühkindliche Bildung am Beispiel von Spielgruppen

Romy Günthart, Ute Klotz: Wie viel Bildung darf es sein? Fachhochschulen im Wandel

Linda Stibler: Vom schleichenden Wandel in der Erwachsenenbildung

Wibke Oppermann: Was bedeutet der Lehrplan 21 für die Lehrmittelentwicklung?

Isabel Martinez: Verteilung, Bildung, und die Chancen des sozialen Aufstiegs

René Levy: La formation, placeur principal du système inégalitaire suisse

Farinaz Fassa: Egalité des sexes: entre discours de principe et pratiques

Markus Truniger: Schule, Migration und Vielfalt: Chancen und Partizipation für alle?

Chantal Hinni: Der Mehrwert intersektioneller Perspektiven für die sonderpädagogische Forschung

Simone Ambord, Monique Brunner: Professionalisierung und Geschlecht in der Sozialen Arbeit

Nadia Lamamra: Au cœur d’une fabrique du genre: la formation professionnelle duale

Catherine Haus: REP Genève: Une structure pour combattre les inégalités scolaires

Fabienne Amliger, Annemarie Sancar: Im Vorzimmer der Macht?

Holger Schatz: Bildungsideologien 4.0 – der affirmative Charakter von Bildung

Anton Hügli: Emanzipation – ein pädagogischer Leitbegriff?

Magdalena Küng, Tamara Funicello, Eva Krattiger, Barbara Gurtner, Lena Frank im Gespräch mit Annemarie Sancar: Was heisst feministische politische Bildungsarbeit?

Roland Herzog und Hans Baumann: Neue gewerkschaftliche Bildungsoffensive

Bruno Bollinger: »Licht in den Köpfen, Feuer in den Herzen«. 22 Jahre gewerkschaftliche Schulungstätigkeit

Katharina Steinmann: Langweilt euch!!

Annemarie Sancar, Johannes Gruber, Fitzgerald Crain und Holger Schatz: Bildung und Emanzipation. Ein Gespräch.

Hans Baumann: Verteilungsbericht 2018: Trotz Reichtum nimmt die Armut zu

Hans Baumann: Gleichheitsmonitor 2018

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