Editorial

Allen Prognosen vom Ende des Freihandels zum Trotz, steigt das Ausmass des weltweiten Handels rapide. Seit der marktliberal entfesselten Globalisierung der 1980er Jahre explodieren die Gütermengen, die um den Globus geschickt werden. Während die sozialen und politischen Dimensionen dieses Booms vielfach aufgezeigt worden sind, beleuchtet dieser Sammelband ›Welthandel und Umweltzerstörung/Commerce mondial et dégradation de l‘environnement‹ die Implikationen für die Umwelt und dann wiederum die Rückwirkungen auf die sozialen Verhältnisse. Aber wieso ist diese vermeintlich eigenständige Sicht auf den Handel überhaupt wichtig, wo es doch hauptsächlich darauf ankommt, dass eine schädliche Produktion unterbleibt?

Natürlich ist Plastik im Meer schädlich, unabhängig davon, wo es produziert wurde. Und selbstverständlich ist die Intensivdüngung auf mehreren Ebenen problematisch, egal ob der Dünger via Welthandel auf den Acker kommt oder lokal produziert wurde. Und die fossilen Treibstoffe treiben den Treibhauseffekt an, unabhängig davon, wie weit sie vor dem Verbrennen transportiert wurden. Betrachtet man die Problemfelder isoliert, so fällt leicht aus dem Blickfeld, dass der Welthandel Wertschöpfungsketten ermöglicht, in denen sich verschiedene Arten der Umweltbelastung kumulieren. Dabei liegt es uns fern, ins protektionistische oder nationalistische Horn zu stossen. Vielmehr geht es uns um den Planeten Erde. Deshalb betrachten wir die Rolle des Welthandels und der damit ermöglichten Wirtschaftsweise aus der Perspektive der planetarischen Belastungsgrenzen. Ein Beispiel: Gewinnt man Erdöl aus Ölsand, holzt man dafür Wald ab mit entsprechendem Biodiversitätsverlust. Zudem geht der Wald als CO2Speicher verloren. Hinzu kommt ein hoher Energie und Süsswasserverbrauch, und es werden Chemikalien eingesetzt, deren langfristige Auswirkungen auf die Ökosysteme unzureichend erforscht sind. Geht dann ein Teil des Öls in die Petrochemie, so werden daraus unter anderem Kunststoffe, beispielsweise für Elektronik-Platinen oder Handy Gehäuse. Die chemische Produktion hat sich zunehmend in China konzentriert, nicht zuletzt, weil dort sowohl die Löhne als auch die Kos ten für Umweltmassnahmen tief sind. Weiter gehts dann über die Fa briken zu den Verbrauchern: Die Statistiken zeigen, dass nicht nur der Welthandel zunimmt, sondern auch der Anteil der Fertigprodukte, die da rund um den Globus verschickt werden. Beim Transport fallen dann jene Emissionen an, die einem zuerst in den Sinn kommen, wenn man an Umwelt und Welthandel denkt: giftige Abgase aus dem Schweröl, das die Schiffe antreibt, oder das CO2, das Frachtflugzeuge hoch oben in der Atmosphäre verteilen. Dabei nimmt auch der FlugfrachtAnteil laufend zu: Fertigprodukte weisen oft nur ein geringes Gewicht bei einem gleich zeitig hohen Wert auf. Da lohnt sich die teurere Flugfracht, wenn man dadurch das Produkt schneller verkaufen und so das darin steckende Ka pital schneller umsetzen kann. Doch noch ist die Kette nicht zu Ende: Ist das Produkt technisch veraltet, kaputt oder – wie Verpackungen – nach einmaligem Gebrauch schon Abfall, wird der Kunststoff oft genug im Rahmen des Abfall Welthandels erneut verschifft. Dann landet er in Slums beispielsweise in Afrika, wo Menschen auf Abfallhalden unter grosser Gesundheits- und Umweltbelastung versuchen, einige Wertstoffe zurückzugewinnen. Der Kunststoff, der mal im Ölsand seinen Ausgangspunkt hatte, wird ent weder als CO2 und giftige Gase in der Atmosphäre endgelagert oder irgendwann ins Meer gespült. Wir hätten aber auch die Welthandelspfade von Sojaöl verfolgen können: Mit Hilfe von Düngerfabriken auf abgeholzten Regenwaldböden als Futtermittel produziert, nimmt es den Weg in die Mastviehmägen und landet als Güllenüberschuss in überdüngten Seen und als Nitrat im Grundwasser. Oder jenes Öl, das als Treibstoff jene Erntemaschinen in Gang hält, mit denen man die borealen Wälder im Norden für die Zelluloseproduktion kahl schlägt… Alle solchen Wertschöpfungsketten belasten die Lebensgrundlagen unseres Planeten. Und alle diese Umwelt belastungsketten könnten ohne den Welthandel nicht in dieser Form und in diesem Ausmass funktionieren. Wir merkten bald, dass wir uns ein immenses Thema vorgenommen haben. Wir stiessen an unsere persönlichen Belastungsgrenzen. So ist dieser Jahrbuchband kein abschliessender Befund, keine theoretisch kohärente Bestandsaufnahme. Vielmehr geht es darum, einen Anstoss zu geben, neben den oft katastrophalen sozialen Folgen der ›internationalen Arbeitsteilung‹ auch die Belastung der planetaren Lebensgrund lagen durch den Welthandel zu berücksichtigen – beispielsweise bei der Diskussion internationaler Freihandelsabkommen.

Zu Beginn dieses Sammelbandes sezieren Helen Müri, Christoph Lüthy und Daniel Haller in zwei grundlegenden Übersichtsdarstellungen die Umweltauswirkungen, die durch den Welthandel direkt (Transporte) und indirekt (Anbau, Abbau, Produktion der gehandelten Güter bis zu deren Recycling oder Abfall) entstehen, und ordnen, ausgehend vom Konzept der planetarischen Belastbarkeitsgrenzen, diese Auswirkungen in die gesamte Umweltproblematik ein. Im Anschluss daran werden die Zusammenhänge anhand einzelner Bereiche detailliert dargestellt, so von Monika Tobler (Wasser), Lisa Mazzone (Flugreisen und transporte) und Daniel Haller (PharmaWelthandel). Um die ungeheuerliche Dynamik des Welthandels zu verstehen, braucht es auch die historisierende Einordnung. Ueli Gähler richtet des halb den Blick zurück auf den Kolonialismus, der den Aufstieg des Handelskapitalismus und die bis heute wirkenden Machtbeziehungen zwischen Norden und Süden mitforcierte. Eine Dynamik, die – so Ulrich Brand – seit den 1980er Jahren nochmals eine neue Dimension erhalten hat und die – beispielsweise mit Blick auf die anhaltende Praxis des so genannten Landgrabbings – als Neokolonialismus bezeichnet werden muss, wie Stefan Kessler in seinem Beitrag festhält.

Im Gegensatz zu diesen kritischen Bestandsaufnahmen des Welthandels herrscht im öffentlichen Diskurs ein eher positives Verständnis des Welthandels vor, sieht man einmal von offensichtlich nationalchauvinistischen Vorstellungen ab, die je nach Gusto für bestimmte Sektoren der ›eigenen‹ Wirtschaft offene oder geschlossene Märkte fordern. So wird der freie Handel nach wie vor als Garant nicht nur von Freiheit, sondern auch von wirtschaftlichem Wohlstand verstanden. Mit Blick auf Freihandelsverträge zeigt Jean Feyder allerdings, dass die Annahme einer Win-Win-Dynamik durch Freihandel wenig mit der Realität ungleicher Handelsbeziehungen und auch binnenstaatlicher Herrschaftsverhältnisse zu tun hat. Inwieweit das längst verbreitete Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung ein Rahmen zur Überwindung solcherlei Verwerfungen bilden kann, ist Teil der kritischen Analyse bei René Longet. Äusserst virulent sind derzeit die Hoffnungen auf einen grünen Kapitalismus, der mittels technischer Lösungen und markwirtschaftlicher Anreize einen ökologisch nachhaltigen Welthandel ermögliche. Mit unterschiedlichen Zugängen und Methoden analysieren und kritisieren Christine Dellsberger, Barbara Unmüssig und Daniel Tanuro dieses Versprechen als weitestgehende Illusion. Sie alle gehen von der Notwendigkeit eines grundlegenden Wandels aus, weil auch ein grüner Kapitalismus seine expansiven und zerstörerischen Wachstums- und Verwertungszwänge beibehält.

Gleichwohl skizzieren die Beiträge im abschliessenden Block konkrete Ansatzpunkte, die zeitnah und also in einer Übergangsphase des Kapitalismus hin zu einer bedarfsorientierten nachhaltigen Wirtschaftsweise führen können. Die Arbeitsgruppe ›Gender und Handel‹ von WIDE+ setzt ganz konkret an der Möglichkeit der EU an, ihre vielfältigen Handelsverträge so auszugestalten, dass sie bestehende Machtverhältnisse abbauen und zugleich Frauenrechte stärken könnten. Bettina Dyttrich sieht in existierenden landwirtschaftlichen Initiativen Ansatzpunkte einer wirklich nachhaltigen und fairen Agrarökologie, und auch Beat Ringger ortet in regionalisierten Wirtschaftskreisläufen die Basis einer weltverträglichen Standortpolitik, die zugleich für die Menschen hierzulande einen Gewinn darstellen würde. Auch Hans Baumanns Aktualisierung einer älteren gewerkschaftspolitischen Debatte zum Green New Deal und zur Umstellung der Produktion weg von schädlichen überflüssigen Produkten verweist auf diesen Zusammenhang. Roland Herzog und Hans Schäppi bringen mit dem Konzept des Karbongeldes wiederum eine Massnahme zur Finanzierung eines solchen sozialökologischen New Deals ins Gespräch.

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Cover

AutorInnen

Hans Baumann, Daniel Haller, Roland Herzog, Stefan Kessler, Christoph Lüthy, Helen Müri, Holger Schatz, Lisa Mazzone, Monika Tobler, Ueli Gähler, WIDE, Barbara Unmüssig, Christine Dellsperger, Daniel Tanuro, René Longet, Jean Feyder, Hans Schäppi, Bettina Dyttrich

ISBN

HerausgeberInnen: Hans Baumann, Daniel Haller, Roland Herzog, Stefan Kessler, Christoph Lüthy, Helen Müri, Holger Schatz; Jahrbuch 2019: Welthandel und Umweltzerstörung; ISBN 978-3-85990-370-8; Verlag: edition 8, Quellenstrasse 25, 8005 Zürich

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