US-Zollpolitik: Eine Auslegeordnung
27.09.2025 | Die Zollpolitik der Trump-Administration markiert einen Bruch mit der neoliberalen Globalisierung und verweist auf eine imperiale Neuausrichtung der USA. Der vielbeschworene Niedergang der USA findet so nicht statt: Chinas ökonomischer Aufstieg hat sich seit 2021 verlangsamt, während US-Konzerne ihre Gewinne ausweiten und der Dollar als Leitwährung zentrale Vorteile sichert. Handelsbilanzdefizite, offiziell als Rechtfertigung für protektionistische Massnahmen genutzt, spiegeln eher die besondere Stellung der USA im Weltsystem als ökonomische Schwäche.
Die Zölle sind daher weniger ökonomisch begründet als Ausdruck eines neoimperialen Projekts: Sie zielen auf Reindustrialisierung, Sicherung kritischer Lieferketten und Stärkung imperialer Handlungsfähigkeit, während sie innenpolitisch als »Dividende« für die Arbeiterklasse inszeniert werden. Damit untergräbt die US-Regierung das multilaterale Handelssystem der WTO und ersetzt es durch machtbasierte „Deals“. Trumps Zollpolitik erscheint so als Bestandteil eines autoritär-imperialen Projekts, das globale Kooperation schwächt und geopolitische Spannungen verschärft. Dies verweist auf die zentralen Gegenwartsfragen: Kooperation oder Imperialismus, Demokratie oder autoritäre Herrschaft.1
Zu den Verschiebungen in der globalen Wirtschafts- und Handelspolitik gibt es eine dominante Erzählung. Sie handelt von einem Hegemon, der von einer aufstrebenden Macht bedrängt wird und nun mit allen Mitteln gegen seinen Abstieg ankämpft. Der Historiker Paul Kennedy machte diese These bereits 1987 populär: vorherrschende Imperien würden ihren Herrschaftsapparat nach der Phase der grössten Machtentfaltung zwangsläufig überdehnen, worauf ein Niedergang unausweichlich werde. Für Kennedy zeichnete sich ein Niedergang der USA schon damals ab (Kennedy, 1987). Auch andere, zum Teil pointiert kapitalismuskritische Autor:innen favorisieren in ihren Analysen Modelle, in denen sich die hegemonialen Mächte zyklisch ablösen (Arrighi 1994, Wallerstein 2003, kritisch Heigl 2005). Neuerdings wird oft auch auf den Politikwissenschaftler Graham Allison Bezug genommen, der in seinem Buch »Destined for War« den Begriff der Thukydides-Falle eingeführt hat (Allison, 2017). Allison bezieht sich auf Thydikides (ca. 460–400 v. Chr.), einen Chronisten des Peloponnesischen Krieges (431–404 v. Chr.). Thydikides These: Der Aufstieg Athens und die Angst Spartas davor hätten den Krieg unvermeidlich gemacht.2
Mein Befund gleich vorneweg: Gegenwärtig kann von einem Niedergang der USA nicht die Rede sein. Eher ist es so, dass der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg Chinas gerade ist ins Stocken geraten ist. Die These jedenfalls, die USA seien in einen für den Abstieg typischen Schlingerkurs verfallen und Trump sei davon der personifizierte Ausdruck, ist meines Erachtens unhaltbar. Eher ist es so, dass die US-Regierung eine Position der relativen Stärke nutzen will, um die Stellung der USA im Hinblick auf die kommenden krisenbefrachteten Dekaden mit grösstmöglicher Rücksichtslosigkeit auszubauen. Dabei nehmen die USA (auch schon unter Biden) Abschied von den ökonomischen Regelwerken der neoliberalen Ära, von der sie vier Jahrzehnte lang enorm profitiert haben, die sie jedoch heute nicht mehr für geeignet halten, um ihre Hegemonie zu sichern. Abschied nimmt die Trump-Administration nun auch gleich auch davon, globale Probleme in kooperativen Arrangements anzugehen. Leitkonzepte wie die Menschenrechte und die demokratischen Freiheiten werden fallen gelassen, die militärischen Engagements neu justiert, die Gewaltbereitschaft massiv erhöht. Mit all dem suchen die USA nach erneuter imperialer Stärke angesichts der Verwerfungen, die von Krisenherden wie der Klimaerhitzung ausgehen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Trump-Regierung die Klimaerwärmung aus propagandistischen Gründen konsequent leugnet.
USA-China: Ablösung der hegemonialen Weltmacht?
Ein erster Blick auf die ökonomischen Eckwerte scheint die These der epochalen Verschiebung der globalen Machtverhältnisse zugunsten Chinas zu bestätigen. Chinas ökonomischer Aufstieg ist beispiellos. Das Wirtschaftswachstum lag viele Jahre bei rund 10%. 1978 betrug Chinas Anteil an der Welt-Wirtschaftsleistung (Welt-BIP) noch geringfügige 1.7%, im Jahr 2021 sind daraus 18,76% geworden. Ebenso eindrücklich die technologische Aufholjagd vom Nachahmerland zur Nation mit teilweiser Führerschaft: In einigen Bereichen wie den Elektrobatterien oder der Roboterentwicklung ist China weltweit heute an der Spitze, in andern Bereichen holt das rasch Land auf. Eine viel zitierte Studie des Australian Strategic Policy Institute sieht China sogar als bereits führende Forschungsmacht. Die Studie beruht auf der Anzahl von bedeutenden Forschungspublikationen im Zeitraum von 2019 bis 2023. Diese Veröffentlichungen werden von den Studienautor:innen 64 Feldern zugeordnet. Das Ergebnis: China nehme in 46 dieser Felder die Topposition ein, die USA nur in deren sechs (Fischer, 2025).
Bei genauerer Betrachtung relativiert sich das Bild allerdings. Der Anteil der USA am nominellen Welt-BIP bewegt sich seit 1975 im Bereich von 25%. Man könnte aus den Daten zwar eine langfristige Tendenz nach unten postulieren; eindeutig ist das allerdings nicht, vor allem nicht, wenn man die Entwicklung der letzten 15 Jahre ins Auge nimmt. 2010 betrug der Anteil niedrige 21,24%, er ist seither aber wieder deutlich gestiegen und nähert sich erneut der 30%-Marke (2024 29.18%).
Abbildung 1 | Anteil der USA am globalen BIP in USD, 1980 – 2023

Anders sieht es allerdings aus, wenn man die Anteile am kaufkraftbereinigten Welt-BIP anschaut. Lag dieser Wert für die USA noch bis um die Jahrtausendwende bei rund 20%, so ist er seither kontinuierlich auf ca. 15% gesunken. Hier scheint der Befund eindeutig. In grossen Schwellenländern wie Indien, Brasilien und vor allem in China hat die Kaufkraft von breiten Teilen der Bevölkerung deutlich zugenommen. Die Haushaltseinkommen in den USA wiederum haben viele Jahre stagniert. Sie sind zwar in den Jahren nach 2010 nominal von rund 68‘000 USD auf über 80‘000 USD gestiegen; die hohe Inflation von 2022 bis 2024 hat diesen Anstieg jedoch grossteils zunichte gemacht.
Eine kaufkraftbereinigte Sicht sagt einiges aus über die finanziellen Lebensverhältnisse der Bevölkerung und über das Marktpotenzial der entsprechenden Länder. So wuchs die Bedeutung des chinesischen Binnenmarktes für internationale Konzerne (allen voran aus der Automobilbranche) deutlich: Chinas Automarkt ist alleine beinahe so gross wie diejenigen der USA und Europas zusammen (allerdings werden die meisten Autos ausländischer Marken in China selbst hergestellt). Einige Autor:innen haben China deshalb schon als ‘Consumer oft he last resort’ bezeichnet. Doch diese Diagnose ist kaum zu halten. So belief sich der chinesische Waren-Gesamtimport im Jahr 2024 auf rund 600 Mrd USD, derjenige der USA jedoch auf 3‘360 Mrd USD, also das fünfeinhalb-fache.
Vor allem aber wird die Stellung eines Landes und seiner Währung auf den Finanzmärkten, bei den Kapitalströmen und im Welthandel von nominalen Grössen bestimmt. Gehandelt wird ja nicht in kaufkraftbereinigten, sondern in nominalen Devisen. Hier kommt zudem die Tatsache ins Spiel, dass der US-Dollar seit dem Ende des zweiten Weltkrieges die unbestrittene Welthandelswährung Nummer eins ist. Dies verschafft den USA beträchtliche Vorteile (siehe weiter unten im Text).
Die USA absorbieren einen hohen Anteil an der globalen Profitmasse
Aufschlussreich sind auch die Statistiken zu den Unternehmensgewinnen, wie sie die FRED3 veröffentlicht. Die Abbildung 2 zeigt den Verlauf der Summe der Gewinne aller US-Firmen als saisonal bereinigten Jahreswert.
Abbildung 2 | Gewinne von US-Unternehmen vor Steuern, 1947 – 2025

Schattierte Bereiche zeigen Rezessionen in den USA an.
Quelle: U.S. Bureau of Economic Analysis, : https://fred.stlouisfed.org/series/A053RC1Q027SBEA (gelesen am 31.8.25)
Auffallend ist der enorme Anstieg der Profitmasse von rund 2000 Mrd im Jahr 2020 auf heute über 4000 Mrd. Selbst wenn man die Inflation in Rechnung stellt (kumuliert rund 20%), bleibt dies äusserst bemerkenswert. Ein Blick auf weitere FRED-Statistiken zeigt, dass für diese Gewinnentwicklung in erster Linie Nicht-Finanz-Unternehmen verantwortlich sind. Die Profite sind in der Finanzindustrie zwar auch gestiegen, aber deutlich weniger rasch.
Es darf als sicher betrachtet werden, dass die US-Unternehmen ihren Anteil an der globalen Profitmasse in diesen Jahren deutlich haben steigern können. Einen Hinweis darauf gibt etwa auch die Gewinnsumme der grossen US-Tech-Konzerne (Nvidia, Alphabet, Meta, Apple, Microsoft und Amazon). Sie ist von 196.7 Mrd USD im Jahr 2020 auf rund 475 Mrd USD im Jahr 2024 (oder dem nächstliegenden Geschäftsjahr) gestiegen (nach Steuern, eigene Recherchen und Berechnungen).4 Das entspricht einer Steigerung von über 140%.
Für die globale Profitmasse scheinen keine konsolidierten Zahlen vorzuliegen. Doch es gibt Hinweise. Die OECD beziffert die globalen Nettogewinne der multinationalen Unternehmen im Jahr 2023 auf rund 6 503 Milliarden USD (OECD 2023).5 Das würde darauf hindeuten, dass die US-Unternehmen einen hohen, wenn nicht sogar dominanten Anteil an den globalen jährlichen Unternehmensgewinnen erzielen. Zwar umfassen die rund 3‘500 Mrd USD US-Gewinne von 2023 den gesamten Unternehmenssektor. Doch dürften auch in den USA die grossen, multinationalen Unternehmen daran einen dominanten Anteil haben. Darauf deutet auch der hohe Anteil der US-Firmen an der Börsenkapitalisierung von 23 Industrieländern hin (ohne Schwellenländer wie Indien oder China). Gemäss dem Weltaktienindex MSCI World6 liegt dieser Anteil bei 72% (Wikipedia-Eintrag zum MSCI-World).
Wie ist es zu diesem Gewinnsprung seit 2020 gekommen? Handelt es sich hier allenfalls um Sondereffekte?
Zum Teil wohl schon. Eine Analyse von Oxfam und ActionAid kommt zum Schluss, dass die zweittausend im Forbes’ Global Ranking aufgeführten Unternehmen im Jahr 2021 insgesamt Sondergewinne (sogenannte Windfall-Profite) in der Höhe von 1080 Mrd USD und im Jahr 2022 solche von 1090 Mrd USD erzielt haben, was einem Gewinnsprung von 89% gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2017-2020 entspricht (Oxfam 2023). Herausragend vertreten sind dabei die Branchen Energie (fast ein Viertel der Windfall-Profite), Lebensmittel, Pharma und Großhandel. Diese Sondergewinne waren den globalen Versorgungsengpässen und Lieferunterbrüchen geschuldet, die durch die Corona-Pandemie entstanden sind. 2022 und 2023 sorgte der russische Angriff auf die Ukraine nochmals für neue Engpässe, vor allem in Europa und Afrika (z.B. Energieträger, Lebensmittel). Würden allerdings hinter dem Gewinnsprung der US-Unternehmen vorwiegend diese Windfall-Profite gestanden haben, dann hätten sie mittlerweile (wegen wieder sinkender Preise) zumindest zum Teil wieder eingeebnet werden müssen. Die Zahlen für die kumulierten US-Unternehmensgewinne zeigen jedoch keinerlei Rückgang, ja nicht einmal Stagnation. Sie sind im Gegenteil vom 2.Q 2023 bis zum 4.Q 2024 nochmals um über 700 Mrd USD gestiegen.
Bedeutender als die Sondereffekte scheinen also längerfristige Trends zu sein. Naheliegend ist die Vermutung, dass bereits die Corona-Krise einen digitalen Schub ausgelöst hat (etwa im Online-Handel und durch Home-Office), der vor allem den US-Tech-Konzernen zugutegekommen ist. Dieser Schub hat anschliessend eine nahtlose Fortsetzung durch den KI-Hype gefunden. Und manche Konzerne aus andern Bereichen haben die Profitraten nach dem Ende der Wind-Fall-Hausse wohl wegen ihrer Monopolstellung hoch halten können, wie etwa in der Pharmabranche.
Es wird sich zeigen müssen, ob und wie lange der KI-Boom anhält. Er ist meiner Einschätzung nach solider als etwa die Dot.Com-Blase der Jahrtausendwende. Die generativen KI-Tools werden gerade ständig besser, und sämtliche informationsbasierten Internet-Plattformen mit breit gestreuter Nutzer:innenschaft müssen entsprechend hochrüsten. Unklarer ist, wie und wann es gelingt, KI-Werkzeuge gewinnsteigernd einzusetzen. Hier sind manche Versprechungen wohl zu hoch gegriffen. Eine KI-Delle ist in den nächsten Jahren deshalb nicht auszuschliessen – ein eigentlicher Absturz würde mich aber überraschen.
Rolle und Bedeutung des Handelsbilanzdefizits
Das ökonomische Gesamtbild ist also keineswegs eindeutig, ja es könnte auf eine Trendwende hindeuten: Die USA erleben gerade einen deutlichen Aufschwung. China hingegen ist in seinem Aufstieg erstmals deutlich gebremst worden (siehe nächster Abschnitt).
Dennoch spricht auch die US-Regierung davon, die USA hätten im internationalen Umfeld Federn lassen müssen, und jetzt gelte es, sie ökonomisch wieder «Gross zu machen». Die Trump-Regierung macht dabei geltend, die USA werde vom Rest der Welt ausgebeutet, was in den Handelsbilanzdefiziten zum Ausdruck komme. Deshalb seien «reziproke» Zölle gerechtfertigt.
Was ist von diesem Argument zu halten?
Eine Frage lautet: Wie aussagekräftig sind Handelsbilanzdefizite in einer hochgradig arbeitsteiligen Weltökonomie mit international stark vernetzten Fertigungs- und Lieferketten überhaupt noch? Gerade die gegenwärtigen Diskussionen um die US-Zollpolitik haben ja dazu geführt, dass diese Grösse genauer unter die Lupe genommen wird. Dabei zeigt sich, dass Handelsüberschüsse respektive -defizite oft wenig aussagekräftig sind. Verzerrungen können schon mal entstehen, wenn – wie üblich – die Dienstleistungen ausklammert werden (bei denen die USA einen ziemlich konstanten Überschuss ausweisen und die rund einen Viertel ihrer gesamten Handelsbilanz ausmachen). Wichtiger aber ist die Frage, ob Handelsbilanzen und Wertschöpfungsanteile übereinstimmen, ob also ein Bilanzüberschuss einer entsprechend hohen Wertschöpfung entspricht (und umgekehrt). Das Beispiel der US-Goldimporte aus der Schweiz zeigt exemplarisch auf, dass Wertschöpfungsanteile und Handelsbilanzen keineswegs Hand in Hand gehen müssen. Die USA haben im ersten Halbjahr 2025 für rund 20 Mrd USD Goldbarren aus der Schweiz importiert. Das Ganze beruht auf einem einzigen Arbeitsschritt, nämlich dem Umgiessen von Goldbarren, die zu grossen Teilen aus Grossbritannien in die Schweiz kommen, in ein Goldbarrenformat, wie es in den USA verlangt ist. Dieses Umgiessen in US-kompatible Normbarren geschieht vorwiegend in vier schweizer Schmelzwerken. Die Wertschöpfung dabei ist im Vergleich zum Handelswert minim. In der Handelsbilanz erscheint dennoch der gesamte Wert der Goldbarren.
Grosse Verzerrungen entstehen auch in der Pharmaindustrie. Wiederum das Beispiel Schweiz: Ihre Pharma-Exporte gehen zu den Grosshandels-Gesamtpreisen in die Handelsbilanz ein, obwohl ein beträchtlicher Teil der Wertschöpfung gar nicht in der Schweiz erfolgt. Nach Schätzungen des NZZ-Wirtschaftsredaktors Matthias Benz dürften nur rund 30% der Pharma-Handelspreie auf hiesigen Wertschöpfungen basieren (Benz, 2025). Pikant ist überdies, dass zum Beispiel Roche hohe Lizenzgebühren an ihre US-Tochter Genentech abführt, die aber als Dienstleistung gewertet werden und deshalb aus den Trump’schen Betrachtungen rausfallen (ebda). Handelsbilanzen werden durch konzerninternen Handel massiv aufgebläht. So betrug das Handelsvolumen (Import und Export) der Schweiz mit Slowenien im Jahr 2024 insgesamt 44,3 Milliarden Franken, womit Slowenien zum drittgrössten Handelspartner der Schweiz avanciert ist (ohne Goldhandel). Dabei handelt es sich aber fast nur um konzerninternen Handel der Schweizer Pharmakonzerne, die in Slowenien in den letzten Jahren im grossen Stil Fabriken aufgekauft und ausgebaut haben (EDA, ohne Datum).
Kommt ein weiteres dazu. Die US-Handelsdefizite werden zwar in der Regel als Schwäche einer Volkswirtschaft gewertet. Nicht so jedoch im Fall der USA. Hier werden sie als Ausdruck einer besonders starken Stellung interpretiert, die das Land unter anderem dank der Rolle des US-Dollars als Weltwährung innehaben. Weltwährung heisst: Rund 60% aller transnationalen Geschäfte werden in USD abgewickelt, und US-Wertpapiere, insbesondere Staatsanleihen (US-Treasuries, UST) haben als Save Haven eine überragende Bedeutung (die USA sind mit rund 50 Prozent des gesamten Umlaufvolumens an Staatsanleihen der wichtigste Emittent). Das bedeutet nicht zuletzt, dass die USA von Turbulenzen geschützt sind, die durch Veränderungen des ausländischen Zinsniveaus und des Wechselkurses verursacht werden können.
Jedes andere Land müsste bei chronisch hohen Handelsdefiziten damit rechnen, dass die eigene Währung unter massiven Abwertungsdruck gerät. Doch die Finanzmarkt-Akteure werden sich hüten, den US-Dollar anzugreifen, solange ein grosser Teil der Weltschulden in US-Treasuries gehalten wird. Deshalb können die USA einen beträchtlichen Teil ihres Konsums importieren, ohne ins Trudeln zu geraten. Überdies kommen sie problemlos und zu verhältnismässig günstigen Konditionen zu ausländischen Krediten (Fischer 2025, Garcia/Yi 2025).
In Rechnung gestellt werden muss überdies auch, dass die Importe für die USA nicht die gleiche Bedeutung haben wie für andere Länder. Die US-Importquote (Importe zu BIP) liegt bei rund 15% (Welt: rund 48%, Schweiz rund 62%). Als Markt sind die USA wegen ihrer Grösse und ihrer Bedeutung in bestimmten Branchen (etwa im Pharmabereich) dennoch weltweit führend. So beläuft sich die US-Binnennachfrage auf rund 18 Bio USD, die europäische Binnennachfrage hingegen «nur» auf rund 13 Bio USD. Der US-Anteil an allen Importen weltweit bewegt sich seit Jahrzehnten um die 14%. Er erreichte 2003 mit 17.1% den höchsten Wert seit 1948 und lag 2020 bei 13.9% – das sind 3.03% des Welt-BIP.
Probleme könne man allenfalls bei den Waren-Exporten verorten: Hier ist der US-Anteil am Welt-Exportvolumen von 11.2% 1983 auf 8.4% 2020 gesunken. Doch die Dienstleistungen (Finanzen, IT, Patente/Lizenzen etc) machen das zumindest teilweise wett.
Fazit: Gegenwärtig von einem ökonomischen Abstieg der USA zu sprechen ist faktenwidrig. Würde der KI-Boom demnächst eine Delle bekommen, dann könnte sich das Bild etwas korrigieren – aber kaum die Fundamentaldaten.
China: Ungebremster Aufstieg?
Wie sieht es andererseits mit dem Aufstieg von China aus? Seit Beginn der 1980er Jahre ist das Wirtschaftswachstum überaus eindrücklich, und eindrücklich ist auch die technologische Aufholjagd. China dominiert heute bereits einige wichtige Sektoren (z.B. Solarpanels, E-Autos, Windkraftwerke).
Doch ist dieser rasante Aufstieg just seit 2021 ins Stocken geraten. 2021 erreichte China mit 18,76 % den Höchststand beim Anteil am nominellen Welt-BIP. Dann kehrte der Trend: 2022 waren es noch 18,12 %, 2023 17,33 %, und für 2025 werden 17% vorausgesagt.
Damit einher gehen etliche Probleme: Eine massive Krise im Immobiliensektor mit vielen Opfern in der ‘Mittelklasse’, die grosse Teile ihres Vermögens durch schon bezahlte, aber nicht fertiggestellte Eigentumswohnungen verloren haben; ein stark wachsender Anteil der Rentner:innen an der Gesamtbevölkerung, der so stark ansteigen wird wie kaum in einem andern Land; ein enormer Energiebedarf, der mit einer Renaissance an Kohlekraftwerken gedeckt wird, die wiederum die Umwelt belasten; eine klimatisch exponierte Landwirtschaft mit periodischen Einbrüchen in der Produktion von Grundnahrungsmitteln; und eine soziale Lage, die bei vielen Beobachtenden als unterschwellig explosiv gilt. China steckt also heute in einigen Schwierigkeiten, die den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg bremsen und möglicherweise sogar zum Entgleisen bringen könnten.
Erinnert sei an dieser Stelle an einen andern Aufsteiger vor rund 30 Jahren – mit ähnlich eindrücklichen Werten. Japan verzeichnete in den Jahren vor 1995 ebenfalls einen kometenhaften Aufstieg. Wie China heute galt es zunächst als Nachahmerland, bevor es in wichtigen Bereichen technologische Führerschaft erlangte. Das Land erreichte 1995 einen Anteil von 17,8 % am nominellen Welt-BIP (die USA lagen damals bei ca. 25 %). Japanische Autos und japanische Unterhaltungselektronik überschwemmten die Weltmärkte. Doch dann drehte der Wind, ausgelöst durch eine massive und lang anhaltende Immobilienkrise – eine mögliche Parallele zu China heute. Der Anteil Japans am nominellen Welt-BIP ist danach rasant gefallen und beträgt noch rund 4%. Klar: China verfügt über deutlich grössere «Grundressourcen» (Bevölkerung, Landmasse) als Japan. Doch das garantiert alleine noch nichts: Auch die Probleme können entsprechend grösser werden.
Der Konflikt USA-China und die US-Zollpolitik
Trotz mancher Fragezeichen bleibt die Annahme plausibel, dass die USA von China ernsthaft herausgefordert wird – nicht in den unmittelbar bevorstehenden Jahren, aber auf mittlere Frist. Die chinesische Führung formuliert ja ihrerseits seit 2015 auch entsprechende Ambitionen, was durch eine offensive Aussenpolitik untermauert wird (Belt and Road Initiative, hohe Kreditvergaben und aktive Präsenz in vielen Ländern, Aufkauf von ausländischen Konzernen wie etwa Syngenta, Volvo und die Waldorf-Astoria-Hotelkette, Aufrüstung, erste militärische Stützpunkte in andern Ländern). Deshalb versuchten die USA schon unter der Obama-Administration, den Aufstieg Chinas zu bremsen, etwa mit spezifischen Zöllen, mit Sanktionen gegen einzelne Firmen wie Huawei, mit Exporteinschränkungen von High-Tech-Gütern. Das erscheint aus US-Sicht rational zu sein. Zwar ist es nicht einfach, Umgehungsgeschäfte zu verhindern, was manche der oben genannten Instrumente stumpf werden lässt. Doch die USA haben dank der Rolle des US-Dollars als universelle Handelswährung starke Hebel, Sanktionen durchzusetzen und deren Verletzung durch andere Staaten ebenfalls sanktionieren zu können (siehe z.B. ihre Kuba-Politik).
Mit der aktuellen Zoll-Politik allerdings brüskieren die USA gerade mehr oder weniger die ganze Welt. Die USA riskieren damit, dass China zum (gar nicht so heimlichen) Gewinner der Zoll-Rallye wird. Besonders irrational erscheinen etwa die hohen Strafzölle von 50% gegenüber Indien. Gerade aus dem Konflikt USA-China erscheint eine solche Zollpolitik kurzfristig wenig rational. Ihre Gründe liegen denn auch eher woanders.
Exkurs – Sind Zölle generell des Teufels?
Links-Grüne Programme treten in der Regel für eine Wirtschaftspolitik ein, die den Um-welt- und Klimaschutz voranbringt, Job-Sicherheit ermöglicht, eine würdige Existenz für alle sichert, öffentliche Dienste stärkt und den immensen Reichtum dorthin lenkt, wo er möglichst von hohem Nutzen ist (z.B. in die Gesundheitsversorgung), statt dass er die ohnehin schon spekulativ überhitzten Finanz- und Immobilienmärkte weiter aufbläht. Eine solche Orientierung ist nicht vereinbar mit einer Laissez-Faire-Politik, mit schrankenlosem Freihandel und mit dem WTO-Regelwerk. Damit stellt sich auch die Frage, ob Zölle ein berechtigtes und geeignetes Instrument sind, um das Wirtschaftsgeschehen zu lenken.
In gut begründeten Fällen kann dies durchaus der Fall sein. Zum Beispiel dann, wenn Ländern mit tiefem Einkommen geholfen werden soll, die eigene Wirtschaft aufzubauen, die in ihren Anfängen nicht gleichermassen produktiv sein kann wie diejenige der internationalen Konkurrenz, unddeshalb die Preise geschützt werden muss.
Allerdings ist im Umgang mit Zöllen Vorsicht geboten. Zölle geraten rasch in den Strudel von protektionistischen Dynamiken und von Handelskriegen, die den Nationalismus schüren – bis hin zur Entfesselung von Kriegen. Die historischen Erfahrungen mit solchen Phasen sind denn auch alles andere als ermutigend.
Zölle sind überdies monetäre Instrumente, deren Wirkungen auf die reale, stoffliche Welt oft wenig voraussehbar sind. So können mögliche Ausweichgeschäfte einen deutlich schlechteren ökologischen Fussabdruck haben als das, was mit Zöllen zurückgedrängt werden soll. Ebenso ist in einer Wirtschaftswelt mit globalen, weit verzweigten Lieferketten am Ende des Tages oft gar nicht klar, wer am meisten von den Zöllen betroffen ist.
Bräuchte es nicht dennoch ein gewisses Verständnis für die US-Zollpolitik, die ja für eine Reindustrialisierung der USA sorgen soll? Wird das nicht mehr Jobs bringen (Argument von gewerkschaftlicher Seite) und überdies die Belastung der Umwelt durch das enorme Güter-Transportaufkommen mildern (Argumente von grüner Seite)?
Auf keinen Fall. Die USA ist nach wie vor die stärkste Wirtschaftsmacht der Welt mit enormen Ressourcen, mit der führenden Weltwährung, mit den mächtigsten High-Tech-Unternehmen und der umfassendsten Militärpräsenz der Welt. Sie verfügt über alle nötigen Mittel, um industriepolitische Massnahmen mit Steuermitteln oder mit Krediten zu finanzieren. Wenn die Trumpsche Zollpolitik nun die Unterstützung mancher US-Gewerkschaften gefunden hat, so ist dies beklagenswert und kein Grund dafür, sie gutzuheissen.
Es sind andere Instrumente, die für Links-Grün zur Steuerung resp. Demokratisierung der Wirtschaft im Zentrum stehen müssen. Hier einige Beispiele:
-
Die Stärkung der UNO und von UN-Organisationen wie der Internationalen Labor Organisation, der Welt-Gesundheits-Organisation WHO, des Pariser Klimaabkommens.
-
Die Verbesserung von globalen Normen, z.B. für global regulierte Mindestlöhne, für umweltschonende Grenzwerte oder Verbote etc.
-
Eine Stärkung des internationalen Vertragswerks zum Schutz der Umwelt und zur Verbesserung der globalen Gerechtigkeit, das mit möglichst konkreten, stofflichen Zielen operiert, die auch verbindlich sein müssen. Ein vorbildliches Beispiel dafür ist die Montreal-Konvention zur raschen Eindämmung der FCKW-Gase, die die Ozonschicht zersetzen.
-
Die Rücknahme aller Vereinbarungen und Verträge, mit denen nationale Umweltschutzbestimmungen und Sozialstandards hintertrieben werden.
-
Die Durchsetzung eines global regulierten Steuerregimes, mit dem der verheerende Steuersenkungswettbewerb durchbrochen wird – zum Beispiel mit international vereinbarten Mindeststeuersätzen auf Gewinnen und Erbschaften, mit Steuern auf Flugtreibstoffen (Kerosin), mit Regeln zur Vermeidung von Steuerflucht.
-
Die Ablösung der neoliberalisierten WTO-Regeln durch eine neue Weltarchitektur, anknüpfend an den ursprünglichen Plänen von Bretton Woods und der New International Economic Order NIEO.
-
Die Entschuldung der ärmsten Länder des globalen Südens.
-
Die Förderung einer aktiven, auf soziale und ökologische Ziele ausgerichteten Industriepolitik der Nationen und deren transnationale Koordination.
Warum dann also die Trump’sche Zollpolitik?
Die Antwort auf diese Frage erschliesst sich offensichtlich nicht aus einer ausschliesslich ökonomischen Betrachtung. Vielmehr ist die Zollpolitik Bestandteil einer grundlegenden rechtsnationalistischen und imperialen Wende. Oft wird etwa auf das Grundlagenpapier Bezug genommen, das der neue Chefökonom der US-Regierung Stephen Miran im November 2024 publizierte (Miran, 2024). Im Gegensatz zu klassisch neoliberal orientierten ökonomischen Arbeiten, die auf dem Glaubenssatz beruhen, dass die Ökonomie alleine über Wohlstand, Wachstum und Machtverschiebungen entscheide, ist bei Miran eine deutliche Neuorientierung in Richtung einer polit-ökonomischen Betrachtung erkennbar. Massgebend ist nicht einfach die Frage, was ökonomisch die grössten Vorteile bringt, sondern wie eine neoimperiale Neuausrichtung der USA ökonomisch vorangebracht werden kann. So heisst es im Papier (Kapitel 2, vierter Abschnitt): «If you have no supplain chains with which to produce weapons and defensive systems, you have no national security. As President Trump argued, If you don’t have steel, you don’t have a country» (Miran, 2024). Im Kern der Sache steht also das politische Projekt, die USA als imperiale Weltmacht wieder neu und stärker zu positionieren. Wie der gesamte ehemals industrialisierte globale Norden waren ja auch die USA in den letzten vierzig Jahren von einer De-Industrialisierung durch Produktionsverlagerungen in Billiglohnländer betroffen, was nun zumindest teilweise rückgängig gemacht werden soll. Diese Orientierung steht auch in Verbindung mit einem aggressiven Antiglobalismus, einer vehementen Absage an globale Institutionen und einer neuen Welle des Rüstungswettlaufs.
Daran anknüpfend muss die US-Zollpolitik also gelesen werden als:
-
Bemühen zur Reindustrialisierung der USA. Für eine imperiale Strategie ist die Rückgewinnung der Kontrolle über kritische Lieferketten von zentraler Bedeutung. Damit wollen die USA für kommende Konflikte und Kriege unangreifbarer werden.
-
Bestreben, die Welt nach dem Prinzipen eines imperialen Deal-Making neu zu ordnen.
-
Versuch, die eigene Basis ideologisch und eventuell auch materiell zu bedienen. Ziel wäre hier sowas wie eine neoimperiale Dividende für die amerikanische Arbeiter:innenklasse, die zumindest rhetorisch funktioniert. Weite Teile der Gewerkschaften haben sich denn auch bereits positiv zur Trumpschen Zolloffensive geäussert.
-
Schlichter Raub: eine Politik, um der übrigen der Welt möglichst viel abzupressen als Finanzierungsquelle für Staatseinnahmen.
-
Machtdemonstration weit über ökonomische Ziele hinaus. Das zeigt sich auch darin, wie oft Trump (Straf-)Zölle mit politischen Zielen verbindet (z.B. im Fall Brasilien und dem Prozess gegen Ex-Präsident Bolsonaro).
Wirkungen auf die globale Ordnung
Klar ist: Die US-Zollpolitik beschädigt das WTO-basierte System des globalen Freihandels erheblich. Und das ist zweifellos beabsichtigt. Im WTO-Rahmen hatten sich Zölle bislang deutlich unter 10% gehalten. Die Meistbegünstigungs-Klausel besagt zudem, dass alle Handelspartner gleich behandelt werden müssen, und zwar auf dem Niveau des am meisten begünstigten Partners. Beides wir von den USA in ihrer Handelspolitik zur Makulatur gemacht. Die USA haben die WTO zudem schon zuvor erheblich geschwächt, indem sie die ihnen zustehenden Richterstellen in den WTO-Schiedsgerichten nicht mehr besetzten und die Gerichte damit lahmgelegt hatten.
Es ist wenig wahrscheinlich ,dass die durch die US-Zolloffensive entfesselte protektionistische Dynamik in den nächsten Jahren gestoppt und das WTO-Regelwerk wieder vollumfänglich etabliert werden kann. Zumal die Länder, die gegenwärtig in einen Zoll-Deal mit den USA einwilligen, damit ebenfalls zu dessen Zerfall bei tragen. Zudem existieren weitere Konfliktlinien, die ebenfalls unter Verletzung der WTO-Regeln ausgetragen werden. So betreibt die EU gegenüber China ein eigenes problematisches Zoll-Regime; beispielsweise sind Elektrofahrzeuge aus China mit hohen Abgaben belegt.
Immer wieder ist zu lesen, dass die Trumpsche-Zollpolitik letztlich die eigene Basis treffen werde, weil sie zu deutlichen Preiserhöhungen führe. Deshalb werde von dieser Seite über kurz oder lang Druck auf eine Mässigung in der Zollpolitik entstehen. Die Frage wird allerdings sein, ob es für die MAGA-Basis auch offensichtlich genug wird, dass höhere Preise eine Folge der Zollpolitik sind. Die US-Importe entsprechen rund 17% des US-Binnenmarktes. Eine Teuerung von z.B. 10% auf den Importprodukten entspricht im Verhältnis zum Gesamtkonsum also «nur» einem Preisanstieg von 1.7%. Das lässt sich rhetorisch wohl leicht verschleiern.
Vorderhand ist auch nicht mit einer Infragestellung des Dollar als Weltwährung und der US-Staatsanleihen als Save Haven zu rechnen. Denn dafür bräuchte es eine solide Alternative. Am ehesten käme dafür der Euro in Frage. Dafür müssten die Länder der Eurozone aber massiv in die Offensive gehen, etwa mit einem digitalen Euro, der sich als Handelswährung eignet, und mit der Emission von hohen Mengen an europäischen Staatsanleihen (Eurobonds). Das ist aber – zumindest vorderhand – so gut wie ausgeschlossen. Die chinesische Währung (Renmimbi) wiederum spielt gegenwärtig erst eine geringe Rolle Sie liegt bei den weltweiten Devisenreserven noch deutlich unter 3%. Um den Renmimbi als Alternative zum USD zu positionieren, müsste China überdies wohl seine Kapitalverkehrskontrollen aufgeben. Das wiederum wäre ein äusserst gewagter Schritt und würde die chinesischen Kapitalmärkte gegenüber den internationalen Finanzakteuren verletzlicher machen. So bleibt im Moment lediglich, dass die BRICS-Staaten ihre Bemühungen verstärken werden, möglichst viele internationale Geschäfte in lokalen Landeswährungen abzuwickeln. Aber damit ist der USD vorderhand nicht vom Sockel zu stossen.
Bleibt die Frage, ob die US-Zollpolitik die Zinsen für US-Staatsanleihen (US-Treasuries) in die Höhe treibt und somit die Zinskosten für die Neuverschuldung respektive die Refinanzierung bestehender Schulden erhöht. Kurzfristig schien dies nach Ankündigung der neuen US-Zollpolitik durch Trump am 2.April 25 der Fall zu sein, als die Zinsen binnen weniger Tage um 0.4% anstiegen. Doch dieser Anstieg ist mittlerweile in sich zusammengefallen. Die Zinsen liegen heute wieder im Bereich der Monate vor dieser Ankündigung bei rund 4.1%. Damit bestätigt sich die oben gemachte Aussage, dass die USA auf die Schonhaltung zählen kann, die ihr auf den Finanzmärkten entgegengebracht wird.
Die US-Zollpolitik ordnet sich ein in eine antiglobalistische Aussenpolitik, die geprägt ist von einer gezielten Schwächung internationaler Institutionen und Verträge, einer aggressiven Beute-Rhetorik etwa gegenüber Kanada, Grönland und Panama und einer deutlich höheren Gewaltbereitschaft. All dies treibt die Welt in Richtung der nächsten starken Verschiebung der globalen Ordnung. Der erste grosse Shift war der Siegeszug der neoliberalen Globalisierung. In ihrem Zuge wurden nationale Kompetenzen zur Regulierung der Wirtschaft ausgehebelt. Ins Visier gerieten auch nationale Regulierungen in Bereichen wie Umweltstandards, Subventionen, öffentliches Beschaffungswesen, gesundheitliche oder sicherheitstechnische Regularien. Sie wurden quasi über Nacht zu «nichttarifären Handelshemmnissen» erklärt, die zugunsten von neuen Handelsabkommen abzuschaffen seien. Basis dieser neoliberalen Verschiebung waren internationale Vertragswerke, insbesondere dasjenige der World Trade Organisation WTO.
Seit den globalisierungskritischen Mobilisierungen in Seattle 1999 ist die Weiterentwicklung des WTO-Vertragswerks allerdings blockiert. Seither hat eine Verlagerung zu bi- und multilateralen Handelsverträgen stattgefunden. Seit 2019 weigern sich zudem die der USA (auch unter der Biden-Administration!), die ihr zustehenden Richtersitze in den WHO-Schiedsgerichten zu besetzen, weswegen diese nicht mehr entscheidungsfähig sind. Damit ist eine Durchsetzung der WHO-Richtlinien mittels Sanktionen unterbunden.
Nun kommt die nächste, von der Trump-Administration vorangetriebene Verschiebung weg von diesen internationalen Vertragswerken, hin zu einem imperialen Deal-Making, bei dem sich der Stärkere durchsetzt. Wie erwähnt sind alleine schon die Zollerhöhungen selbst WTO-vertragswidrig, ebenso die Uneinheitlichkeit der Zölle (das verletzt die Meistbegünstigungsklausel), und natürlich ist es auch die Verquickung von Zöllen mit politischen Zielen (Brasilien/Bolsonaro, Mexiko/Fentanyl etc). Doch die US-Regierung foutiert sich darum, wie ja auch um andere Vertragswerke wie die Menschenrechte oder das Völkerrecht. Eine weitere Folge des Deal-Making-Imperialismus ist, dass die Ökonomie den letzten Rest ihrer «Unschuld» verliert. Denn Preise werden offensichtlich politisch mitgeprägt. Das neoliberale Credo, wonach freie Preise mit Abstand am besten geeignet seien, die ökonomischen Ressourcen optimal einzusetzen, verliert damit weiter an Glaubwürdigkeit.
In den ersten Monaten stiess die US-Regierung mit der Zollpolitik auf erstaunlich geringen Widerstand, und zwar vor allem seitens ihrer ehemaligen Partnerländer. Möglicherweise wendet sich das Blatt aber gerade, weil Brasilien und Indien eine Unterwerfung offen verweigern. Zudem beginnt die US-Regierung, sich selbst zu demontieren. Denn Trump scheut sich nicht, getroffene Deals schon nach kurzer Zeit wieder in Frage zu stellen – etwa denjenigen mit der EU. Neuerdings will er die EU dazu zwingen, all jene Regulierungen abzuschaffen, die den unternehmerischen Spielraum und die Profite den US-Tech-Firmen beschränken. Das Drohmittel: ein Aussetzen des erzielten Deals und massiv höhere Zölle. Diese Sprunghaftigkeit droht die US-Zollpolitik zu untergraben. Wer ist noch bereit, für einen Deal substanzielle Konzessionen zu machen, wenn sich dessen Halbwertszeit in Wochen bemisst? Zudem werden internationale Wirtschaftsbeziehungen dadurch immer unberechenbarer, was für viele produzierende Unternehmen Gift ist. Zwar haben sich die wesentlichen Kräfte des US-Unternehmertums hinter das Trump’sche Projekt gestellt. Wachsende Teile der US-Wirtschaft könnten dennoch nun Druck auf die Trump-Administration aufbauen und ein konstanteres Zoll-Regime fordern («Deal ist Deal»). Die nächsten Monate werden erweisen müssen, was von der US-Zollpolitik Bestand haben und im neuen Weltgefüge konsolidiert werden kann.
Der Kapitalismus kennt in seiner Geschichte ein Auf und Ab von Freihandelsperioden und protektionistischen Phasen. Von der Standortkonkurrenz getriebener Protektionismus kann für die Weltwirtschaft überaus schädlich werden. Zölle verteuern die Waren. Lieferketten werden geschwächt, Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ländern und Unternehmen untergraben. Zollregimes sind oft instabil und Handelskonflikte eskalieren rasch. Dies alles zeichnet sich auch heute ab. So werden viele Investitionen wegen der Unsicherheiten verschoben. Am Ende des Tages könnte die Weltwirtschaft in eine lang anhaltende Rezession rutschen. Und eine solche Entwicklung könnte auch die ohnehin wenig stabilen Finanzmärkte ins Wanken bringen. Doch es kann – zumindest kurzfristig – auch anders kommen – dann nämlich, wenn die Trump-Regierung sich als fähig erweisen sollte, ihr neues Zollregime zu konsolidieren.
Manche Kommentator:innen des Geschehens beginnen damit zu spekulieren, Trump werde im November 2026 anlässlich der Mid-Term-Wahlen ausgebremst (ein Drittel des Senats und des ganzen Repräsentantenhauses werden dann neu gewählt), und ohnein werde der Trumpismus bei der nächsten Präsident:innenwahl im November 2028 beendet. Somit gelte es nun einfach ein Tal der Tränen zu überstehen, und danach werde alles wieder besser. Doch solche Spekulationen sind gewagt. Es gibt mittlerweile – im Gegensatz zur ersten Trump-Administration von 2017 bis 2020 – eine etablierte MAGA-Bewegung, die die Republikanische Partei kontrolliert und die über ein breites Personal verfügt. Diese Bewegung ist zwar nicht ohne innere Widersprüche, aber dennoch von starken Konzepten geleitet (Graham 2025). Sie ist auch bereit, demokratische Regeln zu schleifen und die Repression gegen politische Gegner so stark voranzutreiben, dass Wahlen dadurch zur Farce werden. Die Demokraten wiederum sind tief gespalten zwischen einem linken und einem neoliberalen Flügel, deren unterschiedliche Programmatiken letztlich unvereinbar sind.
Kontext Heisszeit
Das unverstellte Deal-Making und die Re-Installation eines offenen, rein machtbasierten Imperialismus dürften sich kurzfristig nicht mehr aus der Welt bringen lassen. Das muss auch im Kontext der gegenwärtigen multiplen Krisen beleuchtet werden – Krisen, die für die herrschenden Klassen grosser Länder einen imperialen und autoritären Umbau der Gesellschaften attraktiv machen. Diese Krisen werden zentral vorangetrieben durch die ökologischen Verwerfungen. Sie haben ein Ausmass erreicht, das Korrekturen nur noch beschränkt zulässt und damit die zivilisatorische Zukunft insgesamt bedroht. Diese Verwerfungen können auch nur mittels globaler Kooperation und in der Überwindung der Dominanz der Kapitalinteressen wirksam angegangen werden. Beides steht in unlösbarem Widerspruch zur weltweit aufstrebenden rechtsnationalistischen Politik.
Es ist dabei vollkommen unerheblich, ob die treibenden rechtsnationalistischen Kräfte die Klimakrise leugnen oder nicht. Faktisch treiben sie eine nationalegoistische, imperiale Maschinerie voran, mit der der Kampf aller gegen alle befeuert wird – zum Beispiel um Ressourcen und um jene Lebensräume, die einer Klimaerhitzung auf absehbare Zeit standhalten. Gerade dabei wird eine nationalegoistische Politik auch neue Rechtfertigungen finden. Aktuell spitzen sich also die entscheidenden Fragen der Heisszeit zu: Globale Kooperation oder Imperialismus, Stärkung oder Überwindung der Dominanz des Kapitals, Demokratie oder Diktatur, eine Welt für Alle oder nur für Wenige.
Umso zentraler ist es, sich dem Deal-Making zu widersetzen – allerdings nicht zugunsten der «alten» neoliberalen WTO-Regularien, sondern zugunsten einer neuen Weltarchitektur. Eine solche findet interessante Anknüpfungspunkte in den Verhandlungen zum Regelwerk von Bretton Woods am Ende des Zweiten Weltkrieges; oder in den Konzepten der New International Economic Order (NIEO), wie sie von der UNO in den 1970er Jahren fast einstimmig beschossen worden ist, um den Ländern des globale Südens eine eigenständige ökonomische Entwicklung zu ermöglichen (die Umsetzung der NIEO ist von den USA und Europa dann aber erfolgreich hintertrieben worden, und ihre Abwehr wurde zu einem Treiber der neoliberalen Wende). Aktuelle Transnationale Bemühungen aus dem globalen Süden schlagen genau dies vor: Die NIEO gemäss den heutigen Herausforderungen (z.B. im Bereich Ökologie und Klimagerechtigkeit) weiter zu entwickeln (Progressive International 2024) und wieder auf die politische Agenda zu hieven.
Autor | Beat Ringger ist Publizist sowie ehem. Zentralsekretär des VPOD und ehem. geschäftsleitender Sekretär des Denknetz.
Literatur
Allison Graham (2018).Destined for War. Can America and China Escape Thucydides‘s Trap? Oxford.
Arrighi Giovanni (1994). The Long Twentieth Century. Money, Power and the Origins of Our Times. London.
Benz Matthias (2025). Die verschlungenen Produktionswege der Schweizer Pharmabranche. In: NZZ vom 6.Juni 2025, S.25.
Fischer Peter A. (2025). Trump mag Zölle – obwohl sie die USA ärmer machen. In: NZZ vom 17.9.2025, S.25.
Garcia Enrique Martinez, Yi Kei-Mu (2025). Are trade deficits good or bad, an can tariffs reduce them? In-Depth-Publication der Dallas FED. https://www.dallasfed.org/research/economics/2025/0904 (gelesen am 17.9.25).
Graham David A. (2025). Der Masterplan der Trump-Regierung. Alles über PROJECT 2025. Frankfurt a.M..
OXFAM (2023). Corporation windfall profits rocket to $1 trillion a year. https://www.oxfam.org.uk/mc/9ano9s/ (gelesen am 5.9.2025).
Progressive International (2024). Program of Action on the onstruction of a New International Economic Order. https://progressive.international/static/685778ca08486647e9d08d76760ad051/nieo-poa.pdf (gelesen am 5.9.25).
Wallerstein Emanuel (2003). The Decline of American Power. New York/London.
Fussnoten
1. Der Text ist im Rahmen von mehreren Diskussionen in der Fachgruppe Politische Ökonomie des Denknetz entstanden. Ich danke den Mitgliedern dieser Gruppe für wertvolle und anregende Rückmeldungen.
2. Die These wird als vereinfachend kritisiert. So wird etwa auf die Ablösung des United Kingdom als führende Weltmacht durch die USA verwiesen, die ohne Krieg zwischen den beiden Mächten erfolgt sei.
3. FRED (Federal Reserve Economic Data) ist eine riesige, frei zugängliche Datenbank der Federal Reserve Bank of St. Louis (USA). Sie umfasst über 800.000 Zeitreihen zu Themen wie BIP, Arbeitslosigkeit, Inflation, Zinsen, Staatsverschuldung, Finanzmärkte. https://fred.stlouisfed.org/.
4. Nvidia: Umsatz 130,5 Mrd, Gewinn 72,9 Mrd USD; Alphabet: Umsatz 350 Mrd, Gewinn 100,1 Mrd; Meta: Umsatz 164,50 Mrd, Gewinn 62,36 Mrd USD; Apple: Umsatz 390 Mrd, Gewinn 94 Mrd; Microsoft: Umsatz 245 Mrd, Gewinn 88 Mrd; Amazon: Umsatz 638 Mrd, Gewinn 59 Mrd.
5. Es wäre interessant herauszufinden, wie sich der Anteil der US-Konzerne an dieser Gesamtzahl entwickelt hat. Evlt. lässt sich dies aufgrund von OECD-Zahlen eruieren, siehe: https://data-explorer.oecd.org.
5. Der MSCI World basiert auf rund 1.300 Aktien aus 23 Industrieländern: Kanada, Vereinigte Staaten, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden, Schweiz, Spanien, Israel, Australien, Hongkong, Japan, Neuseeland, Singapur. In jedem dieser Länder deckt der Index mit den größten Aktiengesellschaften etwa 85 % der handelbaren Marktkapitalisierung ab. Nicht berücksichtigt werden Nationen, die MSCI als Schwellenländer einstuft: China, Indien, aber auch z.B. Südkorea. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/MSCI_World.