Beat Ringger

Kommentar

Pharma-Preise: Nicht nachgeben! Trump und Big Pharma gegen Europa und die Schweiz
23.03.2023 | Die Pharmakonzerne erhöhen den Druck auf Europa und die Schweiz – mit der Drohung, lebenswichtige Medikamente zurückzuhalten, um höhere Preise durchzusetzen. Unterstützt durch die Politik von Donald Trump sollen so Gewinne gesichert werden, während Patient:innen die Kosten tragen. Doch ein Nachgeben wäre fatal: Stattdessen braucht es entschlossenen Widerstand gegen diese Erpressungsstrategie. Denn die Profite von Big Pharma dürfen nicht über die Gesundheitsversorgung gestellt werden.
Die grossen Pharmakonzerne versuchen, in Europa eine Drohkulisse aufzubauen, um deutlich höhere Preise für Medikamente durchzusetzen. Sie machen geltend, dass sie die Preissenkungen kompensieren müssten, die sie auf Druck der Trump-Administration in den USA zugestehen. Die Methode der Konzerne ist erpresserisch. Sie drohen damit, den Bevölkerungen der europäischen Länder neue Medikamente so lange vorzuenthalten, bis die Preise ihren Vorstellungen entsprechen. Roche hat dies letzten Sommer in der Schweiz bereits durchexerziert und das vielversprechende neue Lymphdrüsenkrebs-Mittel Lunsumio vom Markt zurückgezogen. Jetzt droht Roche damit, dasselbe mit dem neuen Brustkrebsmittel Giredestrant zu machen. Dasselbe Vorgehen wird von diversen Konzernen auch gegenüber anderen Ländern Europas angekündigt.
Trotzdem gibt es nicht den geringsten Anlass, Preiserhöhungen zu akzeptieren. Die europäischen Staaten (inkl. Schweiz) sollten vielmehr zum Gegenschlag ansetzen. Eine Möglichkeit: Paralllel-Importe von Medikamenten unter Umgehung der von den Konzernen kontrollierten Lieferanten zuzulassen und damit allfällige Boykotte der Konzerne umgehen (heute sind solche Parallelimporte in der Schweiz nur sehr eingeschränkt möglich) . Überdies sollte geprüft werden, Big Pharma juristisch zu belangen: und zwar wegen unterlassener Hilfeleistung. Wer Zeug:in eines Verkehrsunfalls wird und keine erste Hilfe leistet, obwohl sie oder er dazu in der Lage wäre, macht sich strafbar. Ein Konzern, der ein lebensrettendes Medikament im Portfolio hat und dies den erkrankten Menschen vorenthält, begeht im Grunde dasselbe Delikt.
Ein klarer und koordinierter europäischen Widerstand würde, davon bin ich überzeugt, rasch Wirkung zeigen. Denn auf die europäischen Absatzmärkte möchten die Pharma-Konzerne bestimmt nicht verzichten.

Trump und Big Pharma auf einer Linie

Trump brüstet sich damit, die Pharmakonzerne in die Knie gezwungen zu haben. Die wirklichen Fronten verlaufen aber ganz anders: Trump und die Konzerne sind auf der einen, die Bevölkerungen Europas, Japans und Kanadas auf der andern Seite. Trump will zwar tiefere US-Arzneimittelpreise – zumindest für die Zeit bis zu den nächsten Wahlen. Doch er möchte das nicht zulasten der Gewinne der Pharmakonzerne durchsetzen. Novartis-CEO Vasant Narasimhan hat dies deutlich gemacht: Wegen des Trump‘schen Druckes werde der Konzern nicht auf Profite und auf Aktienrückkäufe verzichten müssen. Und auch die Finanzmarktakteure sehen es so: Die Aktien der beiden Schweizer Pharma-Konzerne haben seit dem 1.1.2025 um beinahe 30% zugelegt.
Big Pharma weiss sich also mit der Trump-Administration auf einer Linie. Für tiefere Medikamentenpreise in den USA sollen die die Menschen in Europa, Japan oder Kanada bezahlen.

Tödliche Gewinne

Kein Zweifel: Die Medikamentenpreise in den USA sind viel zu hoch, und ihre Senkung kann nur unterstützt werden. Das muss jedoch zulasten der exorbitant hohen Gewinne der Pharmakonzerne gehen. Novartis und Co. erzielen nach eigenen Angaben heute Kernprofitraten von mehr als 40%. Die Konzerne zahlen satte Dividenden aus und sichern den (Gross-)Aktionär:innen via Aktienrückkäufe weitere Gewinne in Milliardenhöhe (Roche und Novartis haben seit November 2021 Aktienrückkäufe in Höhe von 46 Milliarden Franken getätigt oder in Aussicht gestellt). Die Konzerne brauchen einen Grossteil ihrer Gewinne also nicht, um neue Medikamente zu entwickeln, wie sie immer wieder behaupten, sondern um die Profiterwartungen ihres Aktionariats (zu dem auch das Top-Management der Unternehmen gehört) zu bedienen.1
Gleichzeitig haben sie weitere Riesenbeträge für ihre Einkaufstouren zur Verfügung. Novartis hat im letzten Jahr Zukäufe in der Höhe von 36 Mrd USD getätigt. Ähnlich Roche, die 2025 alleine im Bereich der Fettweg-Medikamente für 12 Mrd CHF Firmen und Lizenzen aufgekauft hat.2
Die exorbitanten Profitraten der Pharma-Grosskonzerne müssen jetzt sinken. Das ist aus zwei Gründen wichtig: Erstens werden so bedeutende Mittel frei, die in anderen Bereichen der Gesundheitsversorgung dringend benötigt werden. Und zweitens wird damit auch eine fatale Logik durchbrochen. Realisierte Profitraten werden von den Finanzmärkten als Benchmark für die Zukunft genommen und Unternehmen entsprechend unter Druck gesetzt. Dementsprechend wird den Pharma-Konzernleitungen jedes Interesse an Medikamenten ausgetrieben, mit denen «nur» kleinere Gewinnmargen erzielt werden. Deshalb hat sich Novartis von seiner Generika-Sparte mit Namen Sandoz getrennt, weil diese «nur» eine Gewinnmarge von 20% erzielte (!). Deshalb werden gerade reihenweise Produktionsstandorte geschlossen, auch wenn sie hochrentabel arbeiten (Novartis in Stein, Roche in Kaiseraugst). Deshalb kommt es auch immer häufiger zu Versorgungsengpässen, weil Medikamente nur noch an wenigen (manchmal nur noch an einem einzigen) Ort hergestellt werden. Und deshalb sind die Konzerne aus dem Antibiotika-Geschäft ausgestiegen, obwohl kaum etwas dringender benötigt wird als neue Reserve-Antibiotika gegen resistente Keime.

Keine Deals mit Trump

Ausgerechnet die britische Labor-Regierung von Keir Starmer ist letzten Herbst eingeknickt und hat einem Abkommen mit der Trump-Administration zugestimmt, auf dessen Grundlage die Akteure des Nationalen Gesundheitssystems (NHS) künftig höhere Medikamenten-Preise zu bezahlen haben. Die Zusatzkosten dafür belaufen sich auf jährlich bis zu drei Mrd £ (rund 4 Mrd USD). Die britische Patient:innen-Organisation Just Treatment befürchtet deshalb Verschlechterungen in der Qualität der Gesundheitsversorgung, der jedes Jahr 15‘000 Patient:innen zum Opfer fallen könnten.3 Dies, weil die britische Regierung die höheren Medikamentenpreise durch Einsparungen innerhalb der Gesundheitsversorgung kompensieren will.
Ähnliches droht auch in der Schweiz. Bekanntlich will der Bundesrat mit dem Trump-Regime schon im März 2026 einen Deal aushandeln, um die US-Zölle auf 15% begrenzt zu halten (und dies, obwohl der US-Supreme Court die Grundlagen für solche Zölle eben gerade als illegal erklärt hat). Teil eines solchen Deals könnten wie in Grossbritannien auch Klauseln zu höheren Pharmapreisen werden. Die grossen Pharmakonzerne sind jedenfalls gerade dabei, dafür zu lobbyieren. Umso wichtiger ist es, dass einem solchen Ansinnen seitens der Politik und der Zivilgesellschaft entschlossener Widerstand erwächst.
Dies würde sich nicht zuletzt auch zugunsten der amerikanischen Bevölkerung auswirken. Denn die US-Preise sollen sich künftig am tiefsten Preis in der Gruppe der Vergleichsländer orientieren, zu denen auch die Schweiz gehört. Je tiefer also die Preise in der Schweiz, umso besser ist das auch für die Patient:innen in den USA.
Autor | Beat Ringger ist Publizist sowie ehem. Zentralsekretär des VPOD und ehem. geschäftsleitender Sekretär von Denknetz.

Fussnoten

1. Siehe dazu Ringger Beat (2022). Pharma fürs Volk. Zürich (S.35-37), sowie Novartis-Medienmitteilung vom 17.7.2025: https://www.novartis.com/news/media-releases/novartis-reports-strong-q2-double-digit-sales-growth-and-core-margin-expansion-raises-fy-2025-core-operating-income-guidance, gelesen am 10.3.2026.
2. Siehe dazu u.a. die Financial Times vom 26.10.2025 ‘Novartis to buy Avidity Biosciences for $12bn’ mit Angaben zu weiteren Einkäufen, https://www.ft.com/content/6029e1f1-f27b-4e29-a48c-314442305837?countryCode=CHE&multistepRegForm=multistep (gelesen am 10.3.2026); die Reuters-Mitteilung vom 17.9.2025 ‘Roche to acquire liver drug developer 89bio for up to $3.5 billion’ https://www.reuters.com/business/healthcare-pharmaceuticals/roche-acquire-liver-drug-developer-89bio-up-35-billion-2025-09-18/ (gelesen am 10.3.2026)
3. https://peoplesdispatch.org/2025/12/16/us-uk-pharma-deal-sacrifices-patients-for-profit, gelesen am 19.12.25