Pascal Zwicky

Kommentar

Thanos, die «Nachhaltigkeitsinitiative» und die faschistische Gefahr
24.05.2026 | Was steckt dahinter, dass sich die SVP und ganz viele andere politische Akteure und Leute weltweit anmassen, über die Grösse und Zusammensetzung sowie das Migrationsverhalten von Bevölkerungen resp. Menschen bestimmen zu wollen? Ein Klärungsversuch mit Rückgriff auf die Popkultur und eine kluge Philosophin.
Kennen Sie Thanos? Das ist eine Art ultimativer – und auch etwas tragischer – galaktischer Bösewicht aus der Marvel-Comic-Welt. Gegen ihn kämpfen die Avengers, ein Team von Superheld:innen rund um Captain America, Iron Man, Black Widow, Thor und wie sie alle heissen. Thanos ist davon überzeugt, dass es zu viele Lebewesen im Universum gibt und dies zu Ressourcenknappheit, Krieg und Elend führen muss. Deshalb beschafft er sich die sechs sogenannten Infinity-Steine, durch deren Energie er mit einem Schnippen («The Snap») die Hälfte alles Lebens auslöscht. Wenn man so will, setzt Thanos eine völlig skrupellose Bevölkerungskontrolle durch, um seine Vorstellung von Nachhaltigkeit zu verwirklichen.
Bevölkerungskontrolle und Nachhaltigkeit – da war doch etwas…
Genau, die «Keine-10-Millionen-Schweiz!»-Initiative bzw. «Nachhaltigkeitsinitiative» der SVP, über die in der Schweiz am 14. Juni abgestimmt wird. Auch die SVP setzt eine willkürliche Bevölkerungsobergrenze fest und begründet diese Grenze mit Nachhaltigkeitsanliegen. Ob es weitere Gemeinsamkeiten zwischen Thanos und der SVP gibt, darauf möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen. Vielmehr interessiert mich die Frage, was dahintersteckt, dass sich heute politische Akteure weltweit anmassen, über die Grösse und Zusammensetzung sowie das Migrationsverhalten von Bevölkerungen resp. Menschen bestimmen zu wollen.
Ein Erklärungsansatz findet sich im neuen Buch der der Philosophin Eva von Redecker. Sie analysiert, was den «neuen Faschismus» in seinem Kern ausmacht und kommt zum Schluss, dass es eine «entfesselte Eigentumslogik» ist. Im folgenden Zitat wird dieser Gedanke ausgeführt:
«Rassistische und patriarchale Ungleichheit in der Moderne beruht auf Sachherrschaft, in ihr wird das Leben der einen ganz oder zum Teil dem Eigentumsanspruch der anderen unterstellt. Ihre emblematischen rechtlichen Institutionen waren bis ins 19. Jahrhundert hinein die Versklavung und die Ehe unter Vormundschaft. Die von Sachherrschaft geformten Beziehungen haben moderne Identitäten viel zu tiefgreifend geprägt, um mit ihrer rechtlichen Abschaffung auch restlos zu verschwinden. Die Eigentumsform lebt weiter, sie prägt vermessene Ansprüche, aber auch die entsprechende Vorsicht und Verletzlichkeit auf Seiten der vormals Unterdrückten. Wir sind im Nachleben der Sachherrschaft, der Zugriff ist nicht mehr rechtlich verbrieft, sondern in Verhaltensmustern und Affekten aufrecht erhalten. Die Neuauflage überlebter Verfügungsansprüche bildet «Phantombesitz». Phantombesitz ist zugleich volatil und verkörpert, ein Kontrollimpuls an einer eigentlich leeren Stelle. Versklavung ist illegal, aber Rassismus masst sich weiterhin an, festzulegen, wo nicht-weisse Menschen «hingehören». Die Geschlechter sind gleichberechtigt, aber nicht-männliche Menschen gehen selten ganz ohne Angst um eine dunkle Ecke und auch vor düster-gekränkten Stimmungen männlicher Angehöriger müssen sie sich häufig hüten. Was für die einen Gleichheit nach überwundener Herrschaft bedeutet, erscheint den anderen wie eine unzumutbare Amputation» (Redecker 2026: 19).
Historisch lassen sich aus sachherrschaftlichen Verhältnissen also verschiedene Formen von Phantombesitz ableiten. Nicht nur Rassismus und Patriarchat sind Ausdruck davon, sondern auch die menschliche Beziehung zur Natur oder, wie wir weiter unten sehen werden, die Idee des Nationalismus. Der zweite für uns relevante Punkt ist, dass sich Phantombesitz auf unterschiedliche Weise verteidigen lässt:
«Es gibt diverse reaktionäre und autoritäre Strategien der Phantombesitzverteidigung, alle möglichen Einhegungsversuche: Mauerbau hier, generisches Maskulin dort. Sie sind nicht automatisch faschistisch. Die Verteidigung von Phantombesitz lässt sich auch als Hege und Pflege inszenieren, als Schutz von eigentlich schon erodierten Ansprüchen und Gewohnheiten. Erst wenn diese Absicherung in die frenetische Logik des Ausnahmezustands übertragen wird, kippt sie ins faschistische» (ebd.: 19-20).
Wer im Frühling 2026 durch die ländliche Schweiz reist, sieht regelmässig rote Fahnen mit der Aufschrift «Bewahren, was wir lieben». Diese Werbung für die «Nachhaltigkeitsinitiative» ist ein schönes Beispiel für die Inszenierung der Verteidigung von Phantombesitz als Hege und Pflege.

Vom Phantombesitz zum Faschismus

Wenn wir den Blick auf die gegenwärtige Migrationsdebatte richten, dann beruht diese meist auf nationalistischem Phantombesitz, der Vorstellung des Volks «als Eigner des Territoriums, das den meisten Bevölkerungsmitgliedern gerade nicht gehört» (ebd.: 46). Nationalistischer Phantombesitz ist nicht zuletzt eine Reaktion auf demokratische Ohnmachtserfahrungen in einer globalisierten und kapitalistischen Welt, er ist «eine Verfallsform der kollektiven Selbstbestimmung, der seiner eigenen Schwäche aber nicht mehr gewahr werden kann. Seine vorrangige Souveränitätssimulation ist die Steuerung der Migration», heisst es bei Redecker (2026: 50). Und weiter: «Als autoritäre Grenzpolitik beschwört die Phantombesitzverteidigung Mauern und Kontrollen, sehnt sich nach Einhegung und Schutz des homogenen Raums. Faschistische Grenzpolitik überbietet dies und halluziniert Feinde und Eindringlinge, entsprechend drängt sie auf Säuberung und Deportation» (ebd.).
Die SVP-Migrationspolitik und die «10-Millionen-Schweiz»-Intiative sind nicht faschistisch, aber autoritär. Die Initiative läuft auf eine Entrechtung von Migrant:innen, auf die Kündigung internationaler Verträge, auf Bevölkerungskontrolle hinaus. Sie legt quasi ein Fundament, von dem aus der Weg zum Faschismus nicht mehr weit ist. Faschismus ist die konsequente Fortführung dessen, was in den reaktionär-autoritären Phantombesitzfantasien bereits angelegt ist. Tatsache ist: Die Migrationsdebatte kann rasch kippen – und sie tut das auch bereits vielerorts. Etwa da, wo die rechtsextreme Wahnvorstellung des «Grossen Austauschs», wonach einheimische Bevölkerungen in westlichen Ländern absichtlich, durch politische Eliten oder andere Gruppen gefördert, durch die Einwanderung nicht-weisser Menschen und niedrigere Geburtenraten «ersetzt» würden, salonfähig wird. Oder wenn Teile der Bevölkerung aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihres Migrationshintergrunds nicht «nur» der für sie alltäglichen Diskriminierungen ausgesetzt sind, sondern tatsächlich entmenschlicht und mit Gewalt ausgeschafft oder gar getötet werden. Redecker beschreibt Faschismus als «liquidierende Phantombesitzverteidigung». Faschismus benennt «Schuldige» und ist bereit, diese auszulöschen. Dementsprechend muss das, was die US-Einwanderungsbehörde ICE auf Geheiss von Donald Trump macht, klar als faschistisch eingeordnet werden.
Thanos ist eine fiktive Figur. Was Thanos nicht macht: Er gibt nicht einer bestimmten Gruppe die Schuld an seinen Verlustängsten und sein «Snap» trifft die Lebewesen völlig zufällig. Keine Klasse, keine Hautfarbe, kein Geschlecht, keine besonderen Beziehungen entscheiden über Leben oder Tod. Das ist in der Realität anders. Meist werden Phantombesitz und Privilegien auf Kosten der Verletzlichsten, der vermeintlich Schwächsten verteidigt. Im Comic und Film können die Avengers den «Snap» rückgängig machen und Thanos besiegen. In der Realität können wir nicht auf irgendwelche Superheld:innen hoffen. Es liegt an uns, uns unserer eigenen Phantombesitz-Begehren bewusst zu werden, sie zu reflektieren und hinter uns zu lassen. Es liegt an uns, Mitgefühl für uns selbst und andere zu entwickeln. Es liegt an uns, gemeinsam für eine solidarische Gesellschaft, eine Welt jenseits kapitalistischer Konkurrenz und der faschistischer Härte, einzustehen. Ja, es liegt an uns, ein solches Leben zu leben.
Autor | Pascal Zwicky ist wissenschaftlicher Sekretär des Denknetz.

Literatur

von Redecker, Eva (2026): Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus. S. Fischer.
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