Roland Herzog

Rezension

Die Linke in der Schweiz – eine Rezension
23.03.2023 | Diese Rezension von Dominic Itens (2025) «Die Linke in der Schweiz» zeigt auf, wie Iten in kompakter Form eine differenzierte Geschichte der schweizerischen Linken von der Protoindustrialisierung bis in die Gegenwart entfaltet. Dabei verbindet Iten die Entwicklung von Parteien und Gewerkschaften mit sozialen Bewegungen und zeichnet ein vielschichtiges Bild von Konflikten, Erfolgen und Krisen im Kontext sich wandelnder politisch-ökonomischer Verhältnisse. Das Buch schliesst eine bislang bestehende Lücke und bietet zugleich einen pointierten Überblick über aktuelle Herausforderungen und mögliche Zukunftsperspektiven der Linken.
Wer sich in kurzer Zeit einen differenzierten Überblick hinsichtlich Geschichte der Linken in der Schweiz verschaffen möchte, der oder dem sei wärmstens empfohlen, die Ausführungen des Historikers Dominic Iten zu lesen. In diesem kleinen Büchlein, sowohl im Format wie auch mit der Seitenzahl (148), gibt der Autor einen wertvollen Abriss, eine Einführung wie es in der Ergänzung zum Titel heisst, über die Entwicklungen der schweizerischen Linken seit dem Beginn der Protoindustrialisierung im 18. Jahrhundert. Diese Schrift kann als sinnvolle Ergänzung zum etwas früher im letzten Jahr – und im gleichen Wiener Verlag – erschienen Buch «Schweizer Kapitalismus», herausgegeben von Brügger, Iten, Spéth, verstanden werden. Iten führt die Aktivitäten von linken Parteien und Gewerkschaften auf, aber eben nicht nur, sondern mit einem offenen Blick auf die vielen anderen Bewegungen und Strömungen sowie durchaus im Sinne einer Geschichte von unten. Damit wird ein reichhaltiges aber keineswegs überfrachtetes Bild der schweizerischen Linken mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihren Schwierigkeiten, den (begrenzten) Erfolgen und Niederlagen sowie ihren sich massiv verändernden Herausforderungen gezeichnet. Nach dem Kapiteltext ist jeweils eine Literaturliste angefügt, sodass bei Interesse zusätzliche Informationen auffindbar sind.
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Aufarbeitung der spezifischen Ausprägung des Kapitalismus in der Schweiz deutlich verbessert. Ökonomische und politische Rückblicke auf die Schweiz im 20. Jahrhundert sowie eine beträchtliche Zahl von Studien über Firmen, Branchen, Organisationen, Kolonialismus, Skandale oder lokale Begebenheiten führen zu einem genaueren Verständnis der kapitalistischen Verhältnisse in der Schweiz. Selbstverständlich werden dabei politisch links orientierte Strömungen erwähnt oder sogar detaillierter integriert. Doch eine kurze Darlegung mit der anforderungsreichen Thematik «Die Linke in der Schweiz» fehlte bis anhin.
In sechs Kapiteln wird ein Zeitraum von der allmählichen Industrialisierung bis in die Aktualität abgedeckt. Ausgespart sind die früheren Klassenkämpfe und Revolten auf dem nachmaligen Territorium der Schweiz, doch diese können anderweitig nachgelesen werden (z.B. Grimm 1919 oder Graber 2017). Itens Geschichte der Linken wurde auf dem Hintergrund der jeweiligen polit-ökonomischen Verhältnisse verfasst, denn diese würden die Arbeiter:innen, ihre Organisationen und ihre Kämpfe prägen (S. 8). Dies muss wohl dialektisch verstanden werden, denn die sozialen Auseinandersetzungen führen auch zu Veränderungen in Wirtschaft und Politik.

Formierung der Schweizer Arbeiter:innenklasse

Im ersten Kapitel erläutert der Autor, wie sich die schweizerische Arbeiter:innenklasse aus dem Verlagswesen und den ersten grösseren Fabriken mit verheerenden Arbeitsbedingungen formierte. Auf der Ebene der Organisierungsbestrebungen dominierten die Männer. Doch auch die Frauen organisierten sich neben der Fabrikarbeit bereits in lokalen Gruppen. Diese frühen wie auch die späteren eigenständigen Aktivitäten dürfen in keiner Weise vernachlässigt werden. Erste gewerkschaftliche Organisierungen der Männer ergaben sich in den 1860er Jahren. Ab diesem Jahrzehnt ereignete sich eine eigentliche Streikwelle. 1875 traten die Bauarbeiter am Gotthardtunnel spontan in Ausstand, was nicht toleriert wurde und mit mehreren Toten endete.
Gewerkschaftliche Zusammenschlüsse und die Bildung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz waren die nächsten Schritte. Im zweiten Kapitel wird ausgeführt, wie diese Linke trotz grösserer Differenzen ein gewichtiges, jedoch untergeordnetes Element bei der Entstehung der modernen Schweiz bildete. Als explizite und radikalere Devise wurde von diesen Organisationen anfangs des 20. Jahrhunderts der Klassenkampf und die Überwindung des Kapitalismus vertreten. Einher ging dies mit Mitgliederwachstum und neuen Streikwellen, aber auch mit ersten Abschlüssen von Gesamtarbeitsverträgen und damit einer systemischen Einbindung. Daneben aber blieb die Repression bestehen und die Linke musste sich immer wieder gegen Polizei- und Militäreinsätze zur Wehr setzen. Alsbald bekannte man sich zum Generalstreik, worin der Autor eine Verstärkung der klassenkämpferischen Linie sieht.
Der Erste Weltkrieg führte jedoch zu einer Zäsur. Hintergrund und Beurteilung des abgebrochenen Landesstreiks sowie die schwierige Zwischenkriegszeit bilden den Inhalt des dritten Kapitels. Der Krieg brachte zum einen eine Aufwertung des breiten Spektrums von Frauenarbeit, zum andern aber auch eine massive Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen für die Arbeiter:innen. Die Proteste dagegen blieben nicht aus. Zu Recht schliesst sich Iten in Bezug auf den Landesstreik der Einschätzung des späteren SPS-Bundesrates Nobs an, dass die Streikleitung feig und treulos (S. 48) kapituliert hätte. Zwar kam es in der Folge zu weiteren Streiks, doch fatalerweise spaltete sich die Linke in eine sozialdemokratische und eine kommunistische Richtung. Eine gemeinsame Front gegen Wirtschaftskrise und Faschismus kam in den 1930er Jahren deshalb nicht zustande. Die SPS beteiligte sich vielmehr an der Regierung. Damit integrierte sie sich immer stärker ins politische System der Schweiz; die kommunistische Partei hingegen wurde 1940 verboten. Während des Krieges fanden wiederum Proteste und Streiks statt. Allenfalls hätte Iten dazu etwas ausführlicher sein können.

Eine „neue“ Linke ab den 1960ern

Im vierten Kapitel wird gut herausgearbeitet wie das sog. Wirtschaftswunder nach vielen Streiks in der unmittelbaren Nachkriegszeit «eine Stagnation der Linken» (S. 67) bewirkte, welche jedoch im Verlauf der 1960er Jahren wieder etwas überwunden werden konnte. Es bildeten sich neue Parteien, der Feminismus erlebte einen massiven Aufschwung, Jugendliche und Student:innen mobilisierten sich und andere soziale Bewegungen erhielten vermehrt Zulauf. Eine neue, breitere Linke entstand. Iten betont dazu, dass gleichzeitig ökonomische Umbrüche stattfanden, in denen die Zentralität industrieller Fabrikarbeit zerfiel, und linke Erfahrungen sich vermehrt auf gesellschaftliche Missstände und insbesondere auf urbane Schwerpunkte ausrichteten.
Im zweitletzten Kapitel (1980-2010) mit dem etwas seltsamen Titel «Ende der Geschichte?» wird der Bogen vom politischen Koppskandal bis zur Rettung der UBS geschlagen. Bei der Linken liegt der Schwerpunkt nun auf den Gewerkschaften, die zur Stärkung und wegen sinkender Mitgliederzahlen fusionierten und vermehrt Mobilisierungen und Streiks organisierten. Gerade im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends gelang es, einige soziale Fortschritte zu erzielen, eindrücklich dabei die Auseinandersetzung im Baugewerbe zur erfolgreichen Durchsetzung der flexiblen Frühpensionierung.
Auf die neuesten Konfliktlinien und vorhandene Perspektiven geht das sechste Kapitel ein. Klimabewegung und Frauendiskriminierung mobilisierten breite Bevölkerungsschichten, ohne dass gemäss Iten grössere Erfolge erzielt werden konnten. Die Coronapandemie bedeutete in der Schweiz einen Einschnitt, in dem sich in der Linken vermehrt Differenzen offenbarten und sich daher keine Neuformierung einstellte. Eine Zeitenwende wird vom Autor mit dem Ukrainekrieg und vor allem mit der zweiten Amtszeit Trumps in den USA konstatiert. Die Auswirkungen machen sich in der Schweiz ebenfalls markant bemerkbar. Die Integration von Sozialdemokratischer Partei und Gewerkschaften im System bleibt zwar bestehen, doch diese Organisationen geraten wegen vielfältigen Krisenherausforderungen verstärkt unter Druck. Daraus schliesst der Autor, dass sich für die gesamte Linke auch neue Chancen eröffnen, jedoch nur, wenn sie sich dem «internationalen Klasseninteresse verpflichtet» (S. 129). Dabei gilt es freilich einzubeziehen, dass eine multipolare und hierarchisierte Welt vorhanden ist, in der zudem rechtspopulistische Tendenzen und Autoritarismus zunehmen. Mit den daraus folgenden Fragmentierungen und Zerklüftungen auf der linken Seite des politischen Spektrums werden deshalb noch etliche nationale, regionale oder sogar globale Kampfzyklen und damit verbundene Diskussionen nötig sein, um diesem Klasseninteresse zum Durchbruch zu verhelfen.
Insgesamt bietet das Buch von Dominic Iten mit dieser knappen, aber dennoch detail- und kenntnisreichen Präsentation der vielfältigen Erfahrungen der schweizerischen Linken spannende Einblicke in komplexe soziale Auseinandersetzungen. Diese wurden und werden von vielen engagierten Menschen in wichtigen Organisationen und bunten sozialen Bewegungen geführt.

Die Linke im Tessin

Anstelle eines Nachworts schildert Franco Cavalli die im deutschen Sprachraum wenig bekannte, aber sehr bewegte Geschichte der Linken im Tessin. Unter Berücksichtigung besonderer sozialer und ökonomischer Schwierigkeiten zeichnet sich diese durch Eigenständigkeit, taktisches Geschick und viele widerständige Formen aus. Hervorzuheben sind sicherlich der Einfluss italienischer Migrant:innen, der Kampf gegen den Faschismus, die 68er-Bewegung oder der grosse, siegreiche Streik bei den SBB Officine im Jahre 2008. Leider führte dieser Erfolg wegen internen Streitigkeiten nicht zu einer Stärkung der Linken, sodass die politische Situation im Kanton gemäss Cavalli «festgefahren» (S. 148) ist.
Weil auf der anderen Seite des Gotthards nur sehr beschränkte Kenntnisse über soziale Auseinandersetzungen im südlichen Teil der Schweiz vorhanden sind, soll abschliessend an den vierwöchigen Streik der Arbeiterinnen im Jahre 1916 in der Zigarrenfabrik in Brissago erinnert werden. Diese Frauen folgten dem Beispiel der Zigarrenmacherinnen in Yverdon, die bereits 1907 den ersten Frauenstreik in der Schweiz organisiert hatten.
Rezension von Dominic Iten (2025): Die Linke in der Schweiz. Mandelbaum Verlag.
Autor | Roland Herzog ist Mitglied des erweiterten Vorstands und der Fachgruppe Politische Ökonomie von Denknetz.