Dunkler Sozialismus als Hoffnung?
14.08.2026 | Der Philosoph Kohei Saito zeichnet in seinem neuen Buch das Bild einer Welt, die im Würgegriff von Klimakollaps und aufkommendem Endzeitfaschismus zu ersticken droht. Saito plädiert für eine grüne sozialistische Kriegswirtschaft, um das Überleben zu sichern und die Demokratie zu retten. Im kollektiven Gedächtnis und Erfahrungsschatz der Arbeiter:innenbewegung ist vieles davon, was wir heute brauchen, abgelegt.
Ich schreibe diesen Text in der zweiten Augustwoche. Es ist heiss und trocken. Schon lange. Und der Blick auf meine Wetter-App zeigt, dass es noch mindestens eine Woche so weiter geht. Mit der Hitzewelle im Sommer 2026 ist der Klimawandel endgültig und mit voller Wucht auch in Europa und der Schweiz angekommen. Die Heisszeit ist da: Sie fordert uns nicht nur individuell, körperlich und psychisch, sondern auch gesellschaftlich. Hitze und Trockenheit sind heute auch zutiefst politisch.
An dieser Stelle betritt der marxistische Philosoph Kohei Saito die Bühne. Mit «Systemsturz», in dem er für einen «Degrowth-Kommunismus» warb, erlangte er 2023 Bekanntheit. Nun hat er mit «Am Ende des Fortschritts» nachgelegt. Sein neues Werk ist ziemlich düster – und dennoch nicht ohne Hoffnung.
Saitos Ausgangspunkt: Wir haben verkackt. Wir haben es nicht geschafft, das Steuer rechtzeitig herumzureissen. Der Klimakollaps ist kein mögliches Zukunftsszenario mehr. Der Kollaps ist bereits im Hier und Jetzt angekommen. Er ist unsere Realität und wird die Realität unserer Kinder und Kindeskinder bleiben. Wir haben verkackt.
Unsere Zukunft wird eine Zukunft der Anpassung an den Klimakollaps und alles, was mit ihm verbunden ist, sein. Das letzte Jahrhundert war durch die westliche Fortschrittsidee geprägt: Wirtschaftswachstum, Wohlstandsgewinne, Konsum, individuelle Freiheit und Emanzipation. Dieser Fortschritt ist, so Saito, am Ende.
Es gibt selbstredend auch andere Sichtweisen. Die Tech-Elite etwa erzählt die Geschichte einer strahlenden Zukunft der Menschheit dank Technologie. Allerdings darf mit guten Gründen bezweifelt werden, dass die Erzähler (es sind vor allem Männer) diese Geschichte auch selbst glauben. Denn ihr Handeln zeugt nicht von der optimistischen Vorstellung einer glücklichen Zukunft für alle. Elon Musk, Peter Thiel, Marc Andreessen et al. wähnen sich vielmehr in einem endzeitlichen Kampf. Auch sie haben sich mit dem Klimakollaps abgefunden und suchen nach Anpassungsmöglichkeiten. Nur läuft das, was sie tun, auf die skrupellose Verteidigung der eigenen Privilegien auf Kosten aller anderen hinaus. Ihre Zukunft ist eine Zukunft für die Wenigen, sie stehen für das uneingeschränkte Recht des Stärkeren resp. Reicheren. Dementsprechend ist es auch die Tech-Elite, die den «Endzeitzeitfaschismus» (ein Begriff von Naomi Klein und Astra Taylor) vorantreibt.
Saito erläutert, wie im Technokapitalismus die Realwirtschaft marginalisiert, und der Schwerpunkt auf die «digitale Rente» gelegt wird. Diese durch eine Handvoll Konzerne (GAMMA) dominierte Rentenökonomie schafft keinen Mehrwert, sie vergrössert die sozialen Ungleichheiten, hat verheerende ökologische Auswirkungen und führt zur Privatisierung der Wissens-Commons, einem Gemeingut der Menschheit. Der Technokapitalismus ist nicht demokratiekompatibel. Auch deshalb unterstützt die Tech-Elite weltweit Faschist:innen.
Unter Hayeks Bann
Was heisst das nun für die Linke? Sie muss sich gemäss Saito einem «dunklen Sozialismus» zuwenden (den Begriff wählt er in Abgrenzung zur reaktionären «dunklen Aufklärung», einem Konzept von Curtis Yarvin und Nick Land). Es ist kein Sozialismus, der das Paradies auf Erden verspricht. Der dunkle Sozialismus ist ein Sozialismus des Anthropozäns. Er ist das, was angesichts des realexistierenden Klimakollapses für unser Überleben und die Rettung von Demokratie und Freiheit nötig ist. Dunkler Sozialismus geht von Extremwetter, Krisenkaskaden und Mangelwirtschaft aus, er bedeutet Anpassung an dauerhaft erschwerte Bedingungen. Er ist aber auch die Hoffnung, dass diese Anpassung ohne völligen Zusammenbruch der Zivilisation möglich ist und trotz allem in eine gerechte, demokratische und lebenswerte Zukunft mündet.
Saito sieht ein grosses Hindernis auf dem Weg in eine sozialistische Zukunft: Friedrich von Hayek, der Säulenheilige des Neoliberalismus. Hayek hat den Glauben an die Überlegenheit des Marktes gegenüber der Planung tief im kollektiven Bewusstsein verankert: Markt bringt Demokratie und Freiheit, Planung führt zu Totalitarismus und «Knechtschaft». Dieser Glaube hält sich bis heute und ungeachtet all der Zerstörungen, die im Namen der marktbasierten Freiheit über die Welt kamen.
Der Markt bezieht sich auf die Nachfrageseite einer Wirtschaft. Planung hingegen auf die Angebotsseite. Selbst weite Teile der Linken schauen heute primär auf erstere und vernachlässigen letztere. Sie stehen, Saito zufolge, unter Hayeks Bann. In Zeiten eines Klimakollapses, wenn natürliche Ressourcen, Nahrung, Land, Schutz usw. zunehmend knapp werden, ist die Angebotsseite jedoch von zentraler Bedeutung: Welche Energieträger und Infrastrukturen braucht es? Was soll in welchen Mengen produziert werden? Welche Art von Arbeitsplätzen sollen neu geschaffen werden, welche müssen wegfallen? Welche Güter und Dienstleistungen sollen den Menschen im Sinne einer Grundversorgung zur Verfügung gestellt werden? Der kapitalistische Markt kann diese Aufgaben nicht übernehmen, weil er auf die Erzielung von Profit für das Kapital ausgerichtet und deshalb nicht imstande ist, sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Ergebnisse zu realisieren. Dafür braucht es demokratische Planung (Saito liefert in seinem Buch nicht nur eine marxistische Kritik des Marktes, sondern auch einen Überblick über die Geschichte der Planwirtschaft).
Eine grüne sozialistische Kriegswirtschaft
Saito erteilt nicht nur dem «freien Markt» eine Absage, auch die zentralistische Planung à la Sowjetunion ist keine Option. Er setzt Hoffnungen in eine digitalisierte Form sozialistischer Planwirtschaft. Heute werden die riesigen Mengen an Nutzer:innen- und Konsument:innen-Daten, durch Unternehmen (Tech- aber bspw. auch Lebensmittelkonzerne) zur Planung im grossen Massstab genutzt: zur undemokratischen Planung im Interesse des Kapitals. Saito möchte diese Daten für eine demokratischen Planung im gesellschaftlichen Interesse einsetzen.
Um auf die «Kriegszeit» des Klimakollapses zu reagieren, ist laut Saito eine grüne sozialistische Kriegswirtschaft notwendig: eine auf aktiver staatlicher Intervention beruhende Wirtschaftsplanung, zu deren Instrumenten explizit auch Rationierungen, Verbote und Enteignungen gehören. Saito verweist u.a. auf die deutsche Journalistin Ulrike Herrmann, die sich ihrerseits auf die britische Kriegswirtschaft im 2. Weltkrieg bezieht. Er grenzt sich aber auch von ihr ab, weil sie im kapitalistischen Rahmen verbleibt. Auch bei Herrmann: Hayeks Bann.
«Diktatur der Ökologie»
Aber wie um Himmels willen sollen wir zu irgendeiner Form von zeitgemässem Sozialismus gelangen? Saito führt, in Anlehnung an Marx und die «Diktatur des Proletariats», das Konzept der «Diktatur der Ökologie» ein. Er bemüht sich, die zahlreichen Missverständnisse im Zusammenhang mit dem Begriff der Diktatur an sich (die Bedeutung hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert) und der «Diktatur des Proletariats» (DdP) im Speziellen aus der Welt zu schaffen. Mit Rückgriff auf den späten, durch die Pariser Kommune geprägten Marx begreift Saito die DdP als ein durch die Selbstbefreiung der Arbeiter:innen erschaffenes Übergangssystem mit begrenzter Legitimität, das die Zerschlagung des bisherigen Kapitalismus zum Zweck und die Errichtung einer freien und demokratischen Gesellschaft zum Ziel hat. Kurz: Die DdP ist das Mittel, um von A (Kapitalismus) nach B (Sozialismus/Kommunismus) zu kommen.
Von diesen Überlegungen ausgehend argumentiert Saito, dass wir für eine Übergangsperiode eine «Diktatur der Ökologie» (DdÖ) benötigen, um die Dekarbonisierung zu verwirklichen, dem Endzeitfaschismus die Stirn zu bieten und eine neue, auf Gleichheit ausgerichtete sozioökonomische Ordnung (den dunklen Sozialismus) etablieren zu können, die auch auf einem vom Klimakollaps versehrten Planeten allen Menschen ein würdiges Alltagsleben ermöglicht. Er weiss, dass eine solche DdÖ nicht von heute auf morgen Realität werden wird. Mit den kommenden Katastrophen, wenn der Leidensdruck grösser und grösser wird, könnte sich die Situation aber ändern. Als politisches Subjekt der DdÖ betrachtet Saito (2026) die grosse Mehrheit der Gesellschaft: «Ja, es sind wir, die Leidtragenden der Umweltkrise, die mittels eines Prozesses der Rettung, Hilfe und des Wiederaufbaus eine post-kapitalistische Gesellschaft erschaffen müssen, um unser Leben aus eigener Kraft schützen zu können» (S. 233).
Die progressiven Kräfte sind gefordert
Saito geht davon aus, dass die Menschheit noch bis ungefähr 2080 Zeit hat, um das herrschende System zu überwinden, danach werde der Klimakollaps das Tempo in Richtung Entzivilisierung beschleunigen. Und er glaubt nicht, dass wir vor 2050 wirklich drastische Mittel ergreifen werden. Für die Übergangsphase einer DdÖ bleibt folglich ein Zeitraum von 20-30 Jahren. Was die progressiven Kräfte aber so rasch wie möglich tun müssen: den radikalen (zur Wurzel vordringenden) Wandel vorbereiten. Das beginnt damit, sich Hayeks Bann zu entziehen sowie ein Bewusstsein für demokratisch-sozialistische Alternativen zu entwickeln und in der breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. In den realpolitischen Auseinandersetzungen müssen diese Alternativen dann eingefordert und – auch gegen Widerstand – umgesetzt werden.
An Ideen, Vorschlägen und Beispielen für entsprechende Alternativen fehlt es nicht. Es geht, vor dem Hintergrund der ökologischen Erfordernisse im 21. Jahrhundert, um die Demokratisierung von Arbeit, um Vergesellschaftung, um Care-Arbeit, um partizipative Beteiligungsformen, aber auch um konsequente Regulierung, um Steuerpolitik, Service public und Verfassungsreformen, die auch die nicht-menschliche Natur berücksichtigen. Saito beschäftigt sich am Ende seines Buches mit diesen Themen. Er betont die Wichtigkeit, staatliche Top-down-Politik mit Initiativen von unten zu kombinieren. Eine DdÖ muss innerhalb, gegen den und jenseits des Staates Wirkung entfalten (der grossartige Climate-Fiction-Roman «Das Ministerium der Zukunft» von Kim Stanley Robinson bietet übrigens einiges an Inspiration in diesem Kontext).
Vieles, was es für eine «Diktatur der Ökologie» und in einem nächsten Schritt für einen dunklen Sozialismus bedarf, ist in der Geschichte der Arbeiter:innenbewegung angelegt und wartet in den Schubladen der daraus entstandenen Parteien und Gewerkschaften auf eine Revitalisierung. Nehmen wir die SP Schweiz, die zweitgrösste Partei des Landes. Der Titel ihres 2010 verabschiedeten und nach wie vor gültigen Parteiprogramms lautet: «Für eine sozial-ökologische Wirtschaftsdemokratie». 2017 wurde mit einem «Aktionsplan» und diversen begleitenden Kommunikations- und Bildungsmassnahmen nachgelegt. Kurzzeitig wurde in der Schweizer Öffentlichkeit über Wirtschaftsdemokratie diskutiert.
Die Demokratisierung der Wirtschaft und die grundlegende Kapitalismuskritik waren letztlich aber vor allem für die Parteibasis und die parteiinterne Galerie gedacht. Realpolitische Wirkung und Unterstützung erfuhr und erfährt diese Ausrichtung kaum. Seit den eidgenössischen Wahlen 2023 positioniert sich die SP Schweiz als Partei der Kaufkraft, und sie stösst damit durchaus auf Resonanz. Gleichzeitig bezieht sich die SP mit diesem Fokus klar auf die Nachfrageseite, auf den Markt, auf den Kapitalismus. Zur dunkel-sozialistischen Akteurin wird die Partei auf diese Weise nicht.
Man mag nicht jedem Argument und jeder Einschätzung von Kohei Saito folgen wollen. Aber die Storyline seines Buches überzeugt: Der Klimakollaps ist da und geht nicht mehr weg; die Tech-Elite und der Endzeitfaschismus sind eine verdammt grosse Gefahr; der Markt kann es nicht richten; die zentralistische Planwirtschaft kann es nicht richten; wir brauchen eine Alternative zum Kapitalismus, um das Leben und die Demokratie zu schützen.
Mit dieser Storyline müssen wir die Köpfe und Herzen von möglichst vielen Menschen erreichen. Saitos Appell an die Schweizer Sozialdemokratie kann ich fast schon hören: Holt die vorhandenen Konzepte und Programme aus der Schublade, staubt sie ab und beginnt endlich, ernsthaft mit ihnen zu arbeiten!
Autor | Pascal Zwicky ist wissenschaftlicher Sekretär des Denknetz.
Literatur
Saito, Kohei (2026): Am Ende des Fortschritts. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus. München: dtv.
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