Die Migration von Menschen folgt auf die Migration von Waren
13.05.2026 | Migration ist in der Natur allgegenwärtig. Sie kommt bei fast allen Lebewesen vor und hat wichtige ökologische Funktionen. Selbst das schwimm-unfähige Pflanzenplankton migriert, indem es sich passiv von den Wasserströmungen wegtragen lässt. Wir Menschen verdanken unser Leben in Europa, Asien und Amerika der Migration unserer Vorfahren, die aus Afrika auswanderten
Die Balance zwischen den Bedürfnissen der Individuen und ihren natürlichen Lebensgrundlagen (Ressourcen) ist ökologisch von zentraler Bedeutung. Da sich die Lebensräume laufend entwickeln und damit Änderungen auf der Ressourcenseite einhergehen, z.B. durch Dürren, muss sich auch diese Balance immer wieder neu einstellen. Diese Flexibilität wird unter anderem durch Migration erreicht.
Der Mensch hat diese Balance sowohl auf Ressourcenseite als auch auf Bedürfnisseite extrem stark verändert. Seit Jahrhunderten siedeln die europäischen Menschen in fernen Kontinenten und beuten die dortigen menschlichen und ökologischen Ressourcen masslos aus. Der Flächenbedarf der Kolonialreiche auf anderen Kontinenten wurde immer grösser. Wir bringen Massen an Gütern beispielsweise nach Europa und auch in die Schweiz. Unser scheinbar unstillbare Rohstoff- und Konsumhunger entzieht den Einheimischen Boden und verdrängt deren Subsistenzwirtschaft. Am Beispiel des Kaffees kann dies verdeutlicht werden: Für die 202‘000 Tonnen Rohkaffee, den die Schweiz im Jahr 2025 importierte, wurden schätzungsweise 2’970 Quadratkilometer Fläche verbraucht (Schätzbasis: weltweite Durchschnitts-Ernte 680kg/ha). Dies entspricht der Fläche des Kantons Tessin. Viele weitere Import-Güter und entsprechend riesige (Produktions-)Flächen kommen dazu. Dass die Menschen-Migration auf diese Güter-Transporte folgt, ist verständlich, wenn die Balance zwischen Nutzung und Ressourcen-Herkunft immer weiter verloren geht, weil diese Güter weit entfernt von den Orten genutzt werden, wo sie produziert werden. Es kann von einer gewaltigen Waren-Migration gesprochen werden.
Individuen oder Gruppen von Menschen und anderen Arten fliehen aus Regionen mit mangelhaften Ressourcen. Das war schon immer so. Auch heute noch sind Mangel an Lebensgrundlagen sowie die – nicht selten auch medial verzerrte – Anziehung durch vielversprechende reichere Gebiete zentrale Ursachen für die Migration. Den Menschen wäre allerdings oft besser geholfen, wenn ihre Bedingungen am Heimatort wesentlich verbessert würden. Wenn wir die Migration beschränken wollen, müssen wir die Ursachen angehen und uns auch fragen, welcher Einfluss bei den Menschen in der industrialisierten Welt liegt. Mauern und Rückführungen tragen dazu nichts bei und sind nicht zielführend.
Aufgrund von Umweltzerstörungen und ihren Folgen wie Dürre und Trockenheit, Bodendegradation, Abschmelzen von Permafrost und Gletschern fliehen nach Schätzungen bereits heute 50 bis 150 Millionen Menschen1, bis 2050 könnten 25 Millionen bis zu 1 Milliarde Menschen betroffen sein.2 Zudem entstehen durch all die Kriege und autoritären Regime Bedrohungen der Menschen und ein Mangel an menschenwürdigen Lebensbedingungen. Auch da geht es nicht selten um rohstoffreiche Böden (z.B. Öl), um welche die kriegführenden Staaten konkurrieren. Gemäss UNO-Flüchtlingshilfe wurden Mitte 2025 weltweit 117,3 Millionen Menschen vor allem aufgrund von Verfolgung, Konflikten, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen gewaltsam vertrieben. Zudem waren in den letzten 10 Jahren 250 Millionen Menschen durch klimabedingte Katastrophen zur Flucht innerhalb der Landesgrenzen gezwungen.
Die Balance zwischen Ressourcen und Bedarf wird auch durch die Veränderungen der Ansprüche der Menschen gestört. Diese wurden vor allem in den vergangenen Jahrzehnten immer umfassender und werden nicht mehr nur durch die lokalen Ressourcen gedeckt, sondern auch durch weit entfernt produzierte Güter. Für eine Beurteilung der Bevölkerungsdichte sollten wir daher eigentlich von der Anzahl Menschen pro genutzte Gesamtfläche im In- und Ausland ausgehen und nicht von der Anzahl Menschen eines Landes. Dies macht einen grossen Unterschied!
Die fehlende Regulation der Bevölkerungsdichte
Nicht nur die Bevölkerungsdichte der Menschen stieg in den vergangenen Jahrtausenden immer mehr an. Ressourcenübernutzung und Überbevölkerung werden nicht mehr im gleichen Ausmass wie früher durch natürliche Faktoren wie v.a. Tod, Geburtenzahl und Alterspyramide reguliert.
Regulationsfaktoren haben jedoch im Ökosystem eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, beim Zusammenspiel der Arten ein Gleichgewicht zu erhalten oder wieder herzustellen. Diese Regulation wurde insbesondere durch medizinische Technologien – oft zum Wohl der einzelnen Menschen – radikal verändert. Niemand möchte das Rad der Zeit zurückdrehen. Und doch bleiben die Veränderungen der «natürlichen Regulation» nicht folgenlos. Wie könnte ein menschenwürdiger Ersatz dieser Funktion aussehen? Ein in diesem Zusammenhang immer wieder – kontrovers – diskutiertes Thema ist die Familienplanung.
Gemäss dem diesjährigen Weltbevölkerungsbericht der deutschen Stiftung Weltbevölkerung hat noch immer «jede vierte Frau (…) die Entscheidung nicht in der Hand, wann, ob, mit wem und wie viele Kinder sie bekommen möchte (…) aktuell haben in Subsahara-Afrika schätzungsweise 24 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter einen ungedeckten Bedarf an modernen Verhütungsmitteln (…) ob und wie viele Kinder eine Frau kriegen soll oder darf – diese Frage wird weltweit immer mehr zum Politikum. Regierungen versuchen sowohl hohe Geburtenraten als auch sinkende Kinderzahlen mit politischen Maßnahmen zu beeinflussen. Damit schränken sie nicht nur häufig die Menschen in ihrer Freiheit zur Familienplanung ein, viele dieser Maßnahmen erreichen nur kurzfristige oder sogar gegenteilige Effekte. Der Weg zu einer resilienten demografischen Entwicklung führt über die selbstbestimmte Entscheidung der Menschen für oder auch gegen Kinder.»3
Auch Migration kann zu einer besseren Balance zwischen Ressourcen und Bedarf führen. Daher müsste diese legalisiert werden. Allerdings ist dabei zu beachten, dass diese wichtige ökologische Funktion historisch gesehen vor allem dann erfüllt werden konnte, wenn freie oder wenig besiedelte Gebiete auf der Welt vorhanden waren. Dies ist heute selten der Fall.
Die Bedeutung der weltweiten Bevölkerungsdichte
Für viele Linke ist es nicht leicht, sich mit Bevölkerungsdichte auseinanderzusetzen, denn das Thema wird von rechten Parteien so oft auf erschreckende Art für die Erhaltung egoistischer Privilegien missbraucht. Doch sollte dadurch nicht das sachgerechte Ansprechen des Themas tabuisiert werden. Vielmehr liegt das Gegenrezept bei einer differenzierten und faktenbezogenen Einordnung und vor allem bei der Suche nach sozialen und menschengerechten Lösungsansätzen.
Sachlich betrachtet ist die Bevölkerungsdichte weltweit einer von vielen Faktoren, welche sich auf die Übernutzung der Umwelt auswirken. Eine Grenze derselben kann jedoch nicht mit Bezug auf privilegierte Einzelstaaten wie die Schweiz gesetzt werden, sondern ist im Zusammenhang mit einer gerechten weltweiten Verteilung von Menschen und Gütern zu beurteilen.
So stellte Tim Jackson von der Heinrich-Böll-Stiftung – neben seinen umfassenden Analysen der Gesamtsituation und unter anderem seiner Konsumismus-Kritik – schon 2009 fest: «Der zweite Faktor, der unsere Befähigung, gut zu leben, begrenzt, ist die Grösse der Weltbevölkerung. Es ist ein simples Rechenexempel. Je grösser die Weltbevölkerung, desto schneller stossen wir an die Grenzen der ökologischen Puffer; je kleiner die Bevölkerung, desto geringer der Druck auf die ökologischen Ressourcen. Dieser grundlegende Lehrsatz der Systemökologie ist für jede andere Spezies auf dem Planeten Lebensrealität – und ebenso für die Menschen in den ärmsten Ländern (…) Angesichts dieser ökologischen Grenzen hängt unser Gedeihen ab von der Verfügbarkeit von Ressourcen, den Rechten derer, die die Erde mit uns teilen, den Freiheiten künftiger Generationen und anderer Arten.»4
Aktuell wird ein Rückgang der Bevölkerungsdichte in vielen Ländern, auch bei uns in Europa und der Schweiz, beobachtet. Doch die Politik versucht zum Teil, diesen gezielt zu unterlaufen. Aber ist es nicht absurd? Da versucht der französiche Präsident im Jahr 2025 die Geburtenzahl zu erhöhen, indem er einen Brief an alle 29-jährigen verschickt und sie auffordert, sich über das Kinderkriegen Gedanken zu machen5. Zeitgleich wird in der Schweiz mit viel Aufwand an Werbung und Finanzmitteln das Gespenst einer Bedrohung durch eine zunehmende Bevölkerungszahl hervorbeschworen und vor der 10-Millionen-Schweiz gewarnt. Dies bei geringen Unterschieden der Bevölkerungsdichte und -entwicklung in beiden Ländern.
Die Abhängigkeit der Sozialversicherungen vom Wachstum
Noch heute deckt in einigen ärmeren Ländern ohne Altersvorsorge die Anzahl Kinder die Sicherheit im Alter ab. Dabei geht es um eine gerechte Verteilung der lebenslang benötigten Ressourcen. Dies ist in der Schweiz mit ihren wichtigen Sozialwerken nicht unähnlich. Unsere Altersvorsorge ist jedoch vom Wachstum abhängig: vom Wachstum der Wirtschaft und der Aktiengewinne und vom Wachstum der Menschenzahlen, welche in die AHV einzahlen. Doch wäre es nicht sinnvoller, statt die Geburtenzahlen und damit die Bevölkerungsdichte anzuheizen, nach anderen Finanzierungssystemen für die Sozialwerke zu suchen, beispielsweise im Bereich der Steuergerechtigkeit?
Was erwartet uns in Zukunft?
Alles deutet darauf hin, dass Migration in den kommenden Jahrzehnten häufiger wird. Dabei dürfte auch Binnenmigration mehr und mehr an Bedeutung gewinnen, nicht nur in Afrika oder Asien, sondern auch in Europa. Insbesondere die Meeresspiegelerhöhung von über einem Meter bis 21006 bedroht auch grosse Menschenmengen in den Städten, von New York bis Tokio, von Venedig bis nach Belgien und in die Niederlande. Auch der Verlust von jährlich 10 Millionen Hektar Ackerfläche7 weltweit, v.a. durch nicht standortangepasste Landwirtschaft, wird voraussichtlich viele Menschen zu Migration zwingen. Ein Gegengewicht ist durch die abnehmenden Kinderzahlen zu erwarten. Dieser Trend kann als Regulationsfaktor positiv beurteilt werden, wird allerdings von verschiedenen Nationen bekämpft.
Die Problematik der Bevölkerungsregulation beim Menschen stellt uns vor extrem schwierige Herausforderungen. Da stehen sich zum Teil Anforderungen aus ethischer und solche aus ökologischer Sicht entgegen. Teils geht es auch um die Frage, ob kurzfristige (d.h. für die aktuell lebenden Menschen) oder langfristige Ziele (z.B. für kommende Generationen und die Erhaltung der Biodiversität) erreicht werden sollen. Kurzfristige Änderungen der Populationsdichte sind kaum möglich. Bei Regelungen von oben ist allergrösste Vorsicht geboten, denn diese können aus ethischer Sicht verheerend sein, wie etwa die Erfahrungen mit der Ein-Kind-Politik Chinas zeigten. Umso wichtiger ist es, eine komplexe Abwägung vorzunehmen, in die Zukunft zu schauen und frühzeitig vorzusorgen.
Tatsächlich gibt es durchaus menschenverträgliche Lösungsansätze, um langfristig zu einer besseren Balance zwischen den Menschen und ihren Ressourcen zu gelangen. Vor allem müssen wir uns entschieden von allen postkolonialistischen und ausbeuterischen Wirtschaftsweisen verabschieden und für gerechtere Bedingungen weltweit einstehen. Zudem ist in manchen Bereichen die Konzentration auf die Nutzung lebenswichtiger Produkte bzw. die Reduktion des Luxus-Konsums notwendig. Zentral ist auch der Kampf gegen Umweltschäden, Klimaerhitzung und Bodenzerstörungen aller Art. Schliesslich ist ein Rückgang der Kinderzahlen zu begrüssen, welche vor allem durch Bildung und Gleichberechtigung von Frauen erreicht werden soll. Gegenbewegungen aufgrund von Problemen bei der Demographie und den Sozialversicherungen sind zu unterbinden, indem für diese Bereiche andere Lösungsansätze gesucht und realisiert werden, beispielsweise bei den Sozialwerken durch nicht-wachstumsorientierte Finanzierungsmodellen. Nicht zuletzt ist eine auf all diese Aspekte abgestimmte legale Migration zu ermöglichen.
Autorin | Helen Müri ist promovierte Biologin. Sie arbeitete im eigenen Ökobüro und war als Umweltpolitikerin für die SP aktiv.
Fussnoten
1. Adger, W.N. et al. (2014). In: Field, C.B. et al. (Hrsg.): Climate Change 2014: Impacts, Adaptation, and Vulnerability. Part A: Global and Sectoral Aspects. Contribution of Working Group II to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom and New York, NY, USA 2014, S. 755–791.
4. Jackson, T. (2009): Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt. HSG Heinrich Böll-Stiftung. Oekom Verlag, München.